Dany lebte länger als erwartet - und doch zu kurz

Es war ein Bericht über den Mangel an Organspendern, der unsere Redaktion mit Daniela Soddemann zusammenbrachte. Sie bekam eine neue Lunge. Das war vor fast zehn Jahren. Jetzt ist Dany, die ihr Umfeld stets mit ihrem überbordenden Lebensmut beeindruckt hatte, gestorben. Wir erzählen ihre Geschichte.

Schwerte.. Im Februar 2005 besuchte Reporterin Wiebke Karla die junge Frau nach erfolgreicher Transplantation im Essener Uniklinikum. Fast zehn Jahre haben wir Daniela Strohn immer mal wieder getroffen und sie gefragt, wie es ihr geht. Und immer ging es gut. Ein Beispiel zum Mut machen. Bis wir im Januar entsetzt die Todesanzeige lasen. Reporter Heiko Mühlbauer besuchte jetzt die Eltern und hat die ermutigende Geschichte eines Lebens, dass nie selbstverständlich war, vom Ende her aufgeschrieben.

Kann eine Geschichte, die Mut machen will, mit dem Tod beginnen? In diesem Fall muss sie es. Denn als Daniela Soddemann (39) im Januar stirbt, sind sich ihre Freunde einig: Diese Frau hat mit ihrer Lebenslust andere angesteckt. Trotz oder vielleicht auch wegen der schweren Krankheit, die sie ihr Leben lang begleitet hat. Wir blicken zurück.

Ein halbes Leben abgerungen

Daniela leidet an Mukoviszidose, einer Lungenkrankheit, die oft schon in der Jugend zum Tod führt. Doch die junge Frau aus Villigst lässt der Krankheit keine Chance, ihr Leben zu bestimmen. Am Ende ringt sie ihr zumindest ein halbes Leben ab. "Die Zeit mit Dir war viel zu kurz, aber du hast sie gelebt", schreibt eine Freundin ins Kondolenzbuch.

Es ist fast genau zehn Jahre her, dass wir die junge Frau das erste Mal getroffen haben. Damals ging es ihr schlecht. Sie war auf 40 Kilogramm abgemagert und wartete auf eine Lungentransplantation. Denn die alte Lunge hatte die Krankheit im Griff, Schleim verklebte die Lungenbläschen. Schläuche verschwanden in ihrem Brustkorb, und eine Sauerstoffflasche war ihr ständiger Begleiter. Monate zuvor hatte sie Blut gespuckt und war zu Hause auf der Treppe zusammengebrochen.

Jetzt liegt sie im Bett in der Uniklinik Essen, seit sieben Monaten schon. Am 4. Januar 2005 dann die erlösende Nachricht. Die Ärzte haben eine passende Lunge gefunden. Es wird sofort transplantiert.

Zu diesem Zeitpunkt ist Dany schon zehn Jahre älter als ihr die Ärzte anfangs prognostiziert hatten. "Damals in den 70er-Jahren wusste man ja nicht viel über Mukoviszidose", erzählt ihr Vater Heinz-Werner. Als die Diagnose kam, fuhr er nach Dortmund in die Bücherei, um zu erfahren, was diese Krankheit bedeutet. Was er zu lesen bekam, war brutal: eine unheilbare Stoffwechselerkrankung, die Drüsen und Lunge befällt und in jungen Jahren zum Tod führt.

"Dennoch haben wir Dany immer als ganz normales Kind behandelt", erzählt Mutter Barbara Strohn. Sie hat auch im Winter draußen gespielt. Das Einzige, was sie von den anderen Kindern hier in der Siedlung unterschied, sie musste oft husten. "Ich habe immer schon von Weitem gehört, wenn sie kommt", sagt ihre Mutter. Und fügt an: "Sie war ein fröhliches Kind."

Dany kann die Krankheit, die mit Diabetes einhergeht, im Zaum halten. Auch weil sie diszipliniert ihre Medikamente nimmt und inhaliert. Sie fährt Fahrrad und treibt Sport. Aber mit zunehmendem Alter setzt auch ihr die Krankheit zu. Selbst die Treppen im Elternhaus sind nun mit Ende 20 für sie eine Qual. Als sie sich im Juli 2004 eine Grippe einfängt, wird sie Blut hustend ins Krankenhaus eingeliefert und vorerst nicht mehr entlassen.

Bange Zeit des Wartens beginnt

Es beginnt das lange Warten, das im Januar 2005 mit einer erlösenden Nachricht endet. Die Lunge einer 42 Jahre alten Frau erfüllt alle Kriterien, die Transplantation kann beginnen. Wer die Frau war, wird Daniela nie erfahren.

Bereits im Februar verlässt sie die Klinik, einem neuen Leben entgegen. Dass dies begrenzt sein würde, hatten ihr die Ärzte zuvor klar gemacht. Die Medikamente gegen die Abstoßung steigern das Krebsrisiko. Nicht jedes transplantierte Organ wird vom Körper angenommen. Doch Dany ist zuversichtlich. "Ich will ein neues Leben beginnen, ich will Radfahren und Tennis spielen", erzählt sie uns.

Zwei Jahre später, im Februar 2007, sind wir wieder bei ihr zu Gast. Und wir treffen eine topfitte, 31 Jahre alte Frau, die viele Pläne hat. Ein neues Fahrrad hat sie sich gekauft, sie spielt wieder Tennis und sie arbeitet wieder Vollzeit beim Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund. Mittlerweile engagiert sie sich in Freizeit für Organspenden, hält Vorträge und kämpft dafür, dass Menschen sich einen Spender-Ausweis anschaffen. Ihre Lebenslust ist ansteckend, auch wenn sie uns damals schon sagt: "Die durchschnittliche Lebenserwartung von Patienten wie mir liegt bei fünf Jahren." Doch Dany kann damit umgehen, und sie gibt uns einen Rat mit auf den Weg: "Lebt im Hier und Jetzt ."

Als wir sie dann wiedertreffen, kurz vor ihrem 35. Geburtstag, dem Heiligabend 2010, sind diese fünf Jahre abgelaufen. Und wieder treffen wir auf eine fröhliche Frau voller Lebenslust. Gegen ihre Überzeugung hat sie doch zumindest einen Zukunftsplan gemacht. Im kommenden Jahr werde sie ihren Freund heiraten, erzählt sie. Den hatte sie noch mit der alten Lunge kennengelernt. Schon vor der Transplantation war sie zu ihm nach Mülheim gezogen.

Gesundheitlich lief es besser denn je. Im Jahr davor radelte sie von der Quelle der Ruhr bis nach Mülheim auch durch ihre Heimatstadt. "Intensiver ist das Leben jetzt", erzählte sie. Und wie sehr ein normaler Alltag eine Erfüllung sein könne. Auf ihre Lebenserwartung angesprochen entgegnet sie damals bestimmt: "Ich denk da nicht dran."

Für uns war das die letzte Begegnung mit der jungen Frau. Jetzt sitzen wir hier im Wohnzimmer ihrer Eltern in Villigst und blättern in Fotoalben. Daniela hat 2011 ihren Freund geheiratet, sie hat weiter Sport betrieben, war im Fitnessstudio und hat Urlaub in den Bergen gemacht. Ihren 38. Geburtstag verbrachte sie auf der Zugspitze. "Das war das erste Mal, dass sie nicht bei uns gefeiert hat", erzählt Mutter Barbara.

Im Sommer vergangenen Jahres dann der Schock: Dany fühlt sich plötzlich immer weniger fit, Sport fällt ihr immer schwerer. Die Ärzte untersuchen lange nur die Lunge. Am Ende ist es aber die Leber, in der sich der Krebs festgesetzt hat. Vermutlich durch die vielen Medikamente, die sie ihr Leben lang nehmen musste.

Dieses Mal schafft sie es nicht

Doch auch jetzt ist Dany nicht bereit aufzugeben. Sie geht zunächst sogar weiter zum Zumba, nimmt die Chemotherapiedosen am Wochenende und geht auch weiter ihrer Arbeit nach. Ihren Geburtstag am 24. Dezember feiert sie dieses Mal wieder bei ihren Eltern. 39 Jahre wird sie da. Doppelt so alt, wie ihr die Ärzte als Kind vorhergesagt haben.

Doch dieses Mal schafft sie es nicht, die Krankheit zu besiegen. Am 2. Januar geht Daniela, die seit ihrer Hochzeit mit Nachnamen Soddemann heißt, in die Tumorklinik nach Essen, aus der sie nicht mehr zurückkehrt. Ihr Mann und ihre Eltern bleiben an ihrem Bett. Auch am 12. Januar, dem Tag, an dem sie stirbt, halten sie ihre Hand. Ganz zum Schluss habe sie ein paar Mal laut geatmet, als ob noch etwas ginge, dann war es still.

Zur Beerdigung Ende Januar auf dem Friedhof in Westhofen kommen Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen, und fast alle schreiben etwas Persönliches ins Kondolenzbuch. Fast alle schwärmten von ihrer Lebensfreude. Nach der Beisetzung fahren die Freunde nach Mülheim auf ein Feld und lassen Ballons mit guten Wünschen in den Himmel steigen. So wie sie es dreieinhalb Jahre zuvor bei Dany und Matthes‘ Hochzeit gemacht hatten. Sie haben das spontan entschieden. Denn trotz des nahen Todes hatte Dany nie darüber gesprochen, wie sie beerdigt werden wollte. "Wie sollte man so jemanden voller Lust aufs Leben nach seiner Beerdigung fragen?", sagt ihre Mutter.

Und Danys Vermächtnis? "Auf jeden Fall würde sie wollen, dass man für den Organspendeausweis wirbt", sagt ihre Mutter. "Und schreiben Sie auf, dass sich für Dany das alles gelohnt hat. Das verlängerte Leben, Tag für Tag."