Auf das Kriegsende folgen Hungerjahre in Lünen

1945, der Krieg ist aus. Die Menschen kämpfen und feilschen um Brot, Kohlen und einen Schlafplatz. Die Währungsreform bringt die Trendwende. Der Krieg und die Hungerjahre all das scheint nach 70 Jahren weit weg und unvorstellbar. Dieser Beitrag bringt das Kriegsende und die Zeit danach in Erinnerung.

Lünen.. Anfang April erfolgte die Sprengung der Lippe- und Kanalbrücken und auf Minister Achenbach brannte das Benzollager.

Die im Laufe des Monats April in Lünen eingerückten US-Einheiten versuchten Ordnung in das Chaos zu bringen. Der amerikanische Ortskommandant setzte in der durch Brückensprengungen viergeteilten Stadt je einen kommissarischen Bürgermeister ein.

Das Ausmaß der Zerstörung war unmittelbar nach den Kampfhandlungen kaum zu überblicken. 21 gesprengte Brücken, zerstörte Gebäude und Industrieanlagen, geborstene Wasser- und Gasleitungen, defekte Stromkabel und unterbrochene Telefonverbindungen, dazu der akute Mangel an Lebensmitteln, Brennstoff, Bekleidung und vor allem an Wohnraum ließen den Wiederaufbau unmöglich erscheinen.

Hunger und Wohnungsnot

Am 1. Januar 1945 hatte Lünen 45.993 Einwohner. Gleichzeitig strömten Vertriebene und Flüchtlinge in die Stadt. Ende 1945 stieg die Bevölkerung auf 50.993. Obdachlose und Flüchtlinge brauchten Unterkunft. Viele hausten noch in Notwohnungen, Kellern, Ställen und Bunkern. Hunger und Wohnungsnot bestimmten den Alltag.

Im Juni 1945 lösten die Briten die US-Truppen ab. Die Nahrungsmittelversorgung war desolat. Die Mangelverteilung erfolgte über Lebensmittelkarten. Wer satt werden wollte, war auf zusätzliche Nahrungsquellen neben der amtlichen Zuteilung angewiesen. Hamsterfahrten gehörten zur Normalität. Hühner, Kaninchen und die Haltung eines Hausschweins oder einer Ziege bewahrten in mancher Arbeitersiedlung Menschen vor dem Verhungern.

Das Jahr 1946 war ein weiteres Notjahr, aber es sollte noch schlimmer kommen. Der Winter 1946/47 war extrem streng und im Mai 1947 war die Nahrungsmittelversorgung zusammengebrochen.

Überfälle auf Kohlezüge

Das Jahr 1947 wurde zum Hungerjahr. Zu den bereits bestehenden Versorgungsengpässen trat im Sommer 1947 eine Dürrezeit ein, so dass die Brunnen versiegten. Die Ernte verdorrte noch vor der Reife.

Nur wenige Kalorien standen im Durchschnitt dem Normalverbraucher zur Verfügung. Zum Leben zu wenig - zum Sterben zu viel. Hinzu kamen die katastrophalen hygienischen Verhältnisse. Es fehlte an Medikamenten, Desinfektionsmitteln, Verbandsstoffen, an allem. Um nicht zu erfrieren, überfielen verzweifelte Menschen Kohlezüge. Wer nicht "organisieren" konnte, blieb auf der Strecke.

Schieber und Schwarzhändler hatten Hochkonjunktur. Auf dem schwarzen Markt war buchstäblich alles zu haben, und nicht selten handelte es sich um Diebesgut: Butter, Eier, Speck, Fleisch, Kaffee, Zigaretten und schwarz gebrannter Schnaps wurden zur Ersatzwährung. Die Ordnungskräfte versuchten, die krummen Geschäfte zu unterbinden. Das gelang nur selten.

Lesen Sie auf Seite 2 mehr über die Verelendung der Lüner Bevölkerung in der Nachkriegszeit und die Wiederaufbauprogramme der Alliierten.

Auch der Hunger nach Liebe und Vergnügen war groß. Den alliierten Soldaten war der Kontakt zur deutschen Bevölkerung wegen der Nazi-Vergangenheit eigentlich streng verboten. Es galt das Fraternisierungsverbot. Doch auch der "Leitfaden für britische Soldaten" zum Umgang mit den Deutschen konnte nicht verhindern, dass sich enge Beziehungen zwischen den Besatzungssoldaten und Lüner Frauen entwickelten.

Die Folgen der Verelendung traten vor allem durch das Ansteigen der Jugendkriminalität in Erscheinung. Hinzu kam das "Fremdarbeiterproblem". Ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene rächten sich an ihren deutschen Peinigern. Der aufgestaute Hass entlud sich in Misshandlungen und Plünderungen.

Militärbehörden und Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen übernahmen später die (Zwangs-)Rückführung der entwurzelten "Displaced Persons" in ihre Heimatländer. Insbesondere russische Zwangsarbeiter wollten häufig keinesfalls zurück, da sie in der Sowjetunion Verfolgung und Repression fürchteten. Sie galten dort als "Kollaborateure".

Allmählich setzte sich bei den Amerikanern und Briten die Erkenntnis durch, dass eine hungernde deutsche Bevölkerung dem Kommunismus in die Arme laufen könnte. So erreichten die ersten Care-Pakete der USA im September 1947 die Bergleute der Zeche Minister Achenbach.

Umsetzung der Wiederaufbauprogramme

Das Interesse der Alliierten an einem wirtschaftlich völlig geschwächten Deutschland verblasste im Zuge des aufkommenden Kalten Krieges und der beginnenden europäischen Zusammenarbeit. Die nüchterne Kalkulation: Eine funktionsfähige deutsche Wirtschaft ist besser als teure Subventionen der Alliierten. So wurde zum Beispiel die Demontageverfügung für die Eisenhütte Westfalia 1949 aufgehoben.

Marktwirtschaftliche Ideen lösten allmählich planwirtschaftliche Lenkung in den Nachkriegsjahren ab. Die Funktionsfähigkeit von Wirtschaft und Verwaltung gewann an Dynamik und damit auch die Umsetzung der Wiederaufbauprogramme.

Plötzlich volle Regale

Den entscheidenden Impuls lieferte dann die Währungsreform am 20. Juni 1948. Aufgeregt und erwartungsvoll begaben sich die Lüner an diesem herrlichen Sommertag zu den Geldumtauschstellen, wo jeder Bürger gegen Vorlage des Personalausweises für 40 RM 40 DM erhielt.

Die Überraschung war bereits am Montag perfekt: Die Käufer fanden plötzlich in den Geschäften volle Regale vor. Der spätere Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard hatte zuvor Signale ausgesendet, dass die Reform bevorstehe - und die Händler horteten folgerichtig Waren. Mit dem Tag der Reform hatte das Päckchen "Camel" oder "Lucky Strike" als Währung ausgedient, der schwarze Markt brach zusammen. Arbeiten lohnte sich wieder.

Motor des Aufschwungs

Was oft vergessen wird: Die Arbeitslosigkeit war 1948 im Ruhrgebiet deutlich niedriger als in Bayern, Schleswig Holstein oder Niedersachsen. Das Ruhrgebiet entwickelte sich zum Motor des Aufschwungs. Die Zahl der Erwerbspersonen stieg, aber auch die Arbeitslosigkeit - zumindest bis 1952.

Mit Beginn des "Wirtschaftswunders" verschwand die Arbeitslosigkeit - die Phase der Vollbeschäftigung begann.