Schulsystem : Gesundheitspfleger für jeden Schüler gefordert
Witten/Hagen. Zur Gewaltprävention an Schulen sollten „Schulgesundheitspfleger” eingesetzt werden, fordert Andreas Kocks, Pflegewissenschaftler der Universität Witten/Herdecke. Sie könnten neben der medizinischen Versorgung der Schüler ebenso als Ansprechpartner bei alltäglichen Sorgen dienen.
Von Beginn an werden Schüler vieler Länder von Schulgesundheitspflegern betreut. Bald auch in Deutschland? (Foto: ddp)
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Depressionen, Perspektivlosigkeit, Außenseiterrolle: betrachtet man die Persönlichkeiten der Amokläufer von Erfurt, Emsdetten und Winnenden, fallen oftmals diese Begriffe als mögliche Motive der Amoktaten. Deutsche Schulen sollten deshalb bewusster auf einen sozialen und seelischen Kontakt mit den Schülern setzen, findet der Pflegewissenschaftler Andreas Kocks.
In anderen Ländern bereits etabliert
„Schulgesundheitspfleger” heißt für den Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke das Rezept zur Gewaltprävention an Schulen. Darunter versteht man eine Art Schulkrankenschwester, die neben der medizinischen Versorgung der Schüler ebenso als Ansprechpartner bei alltäglichen Sorgen dienen kann. In Deutschland ist diese Berufsgruppe durch die Orientierung auf Vertrauenslehrer, Schulärzte und Schulpsychologen noch unbekannt. In Ländern wie Skandinavien, Kanada, den USA und Großbritannien allerdings fest im Schulalltag etabliert.
„Schulgesundheitspfleger sind eine ganz einfache Möglichkeit, mit Kindern in Kontakt zu treten. Ein Angebot, das aber in Deutschland vollkommen fehlt”, erklärt Andreas Kocks. Sie kämen von außen an die Schulen und unterlägen der Schweigepflicht. „Schülern fällt es deshalb viel leichter, sich bei ihnen das Herz auszuschütten. Bei Vertrauenslehrern ist die Hemmschwelle oft größer, weil sie im Unterricht den Schülern natürlich Noten geben müssen.”
Großes Vertrauen
Andreas Kocks hat in seinen Studien die Arbeit sogenannter „School Health Nurses” in Schweden untersucht. Auf 600 Schüler falle dort eine Schulgesundheitspflegekraft. Mindestens einmal jährlich habe sie die Aufgabe, jedes Kind zu untersuchen. Im Schnitt werde sie aber von jedem Kind zusätzlich viermal pro Jahr aus eigenem Antrieb besucht. „In skandinavischen Schulen sind sie die Personen, die bei den Schülern das größte Vertrauen genießen”, resümiert Kocks. Sie beschäftigen sich neben der medizinischen Versorgung der Kinder mit ihrem sozialen Hintergrund. Stehen mit Rat und Tat zur Seite und stellen bei Bedarf den Kontakt zu Medizinern, Psychologen oder Sozialämtern her.
Schulgesundheitspfleger gibt es in vielen Ländern
„Schüler stehen unter einen immensen psychischen Erfolgsdruck, das darf man nicht unterschätzen. Zwar können Schulgesundheitspfleger sicher keine Amokläufe verhindern. Aber durch ihren engen Kontakt zum Schüler haben sie die beste Möglichkeit, früh zu erkennen, dass etwas nicht stimmt.”
Zahlreiche Landesministerien und Elternvertreter haben laut Kocks bereits Interesse an einer möglichen Einführung von Schulgesundheitspflegern bekundet. Nun gehe es darum, ein Modellprojekt zu entwickeln. „Ich denke, die Einführung wäre ein immenser Gewinn.”
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