Religion : Erstes Minarett ragt in den Dortmunder Himmel
Dortmund. Dort, wo Blau-Weiß eigentlich für Konfrontation sorgt, symbolisieren die beiden Farben nun ein „Tor zwischen Himmel und Erde”: Im Dortmunder Stadtteil Eving ragt das erste Minarett 24 Meter in die Höhe.
Während seit Tagen das Schalke-Lied mit seinem Bezug auf Mohammed für Irritationen sorgt, soll mit diesem Turmbau in den Farben des Fußballvereins die Integration gefördert werden.
Im Dortmunder Stadtteil Eving ragt ein blau-weißes Minarett in die Luft. Foto: Thomas Nitsche
Foto: WP
Ein Zufall? Bei dem Gedanken an Schalke beginnt Adem Sönmez zu lachen. „Daran haben wir nicht gedacht - dann hätten wir das Minarett in Schwarz-Gelb streichen müssen”, scherzt der Vorsitzende des islamischen Kulturvereins Selimiye Camii. Der Verein hatte das Minarett im Stadtteil Eving für etwa 60 000 Euro errrichtet.
Ein Gemeindemitglied erklärt die Bedeutung der verwendeten Farben: „Blau ist wie der Himmel und Weiß bedeutet Frieden”, so der 73-jährige Islam Sikti. Seit vierzig Jahren lebt er bereits in Dortmund und ist sichtlich stolz auf das neue Minarett an der Moschee, das voraussichtlich im Oktober eingeweiht wird.
Gemeinde ist bereit zu Kompromisse
„Es war es wert”: Adem Sönmez ist überzeugt, dass sich die Diskussionen im Vorfeld gelohnt hat. Zwei Jahre lang hat der islamische Kulturverein in Eving für das Minarett gekämpft und sich sogar gegen eine Unterschriftenaktion durchgesetzt. Rechtlich stand den Muslimen der Bau zu.
Einen Kompromiss ist die islamische Gemeinde dennoch eingegangen: Die ersten sechs Jahre lang wird der Muezzinruf zum Gebet nicht erschallen - obwohl das die eigentliche Funktion des Minaretts ist. „Das ist für mich ein großes Zeichen des Entgegenkommens zur Nachbarschaft”, sagt Friedrich Stiller von der evangelischen Stadtkirche Dortmund und Lünen. Der Pfarrer und Islambeauftragte betont: „Viele vergessen, dass die Muslime in Eving ein Recht wahrnehmen, das ihnen gesetztlich zusteht.” Der Verein verzichte freiwillig auf ein Grundrecht.
"Wir sind ein Teil der Gesellschaft"
Pfarrer Stiller muss zugeben: „Sicherlich sind viele Dortmunder zunächst von dem Minarett irritiert.” Einer davon ist die 50-jährige Annette Klug. „Warum müssen sie es so übertreiben?”, fragt sich die Dortmunderin. Aber sie habe auch eine türkische Freundin, mit der sie sich sehr gut verstehe. „Wenn mein Sohn mit türkischen Kindern spielt, habe ich auch nichts dagegen”, erklärt Klug.
In Dortmund gibt es aber auch Komplimente: „Es kommen auch Dortmunder aus anderen Stadtteilen vorbei, schauen sich das Minarett an und sagen: 'Das ist schön!'”, erzählt Adem Sönmez. „Das macht uns glücklich.” Er hofft, dass der Muezzin-Ruf in einigen Jahren wenigstens einmal pro Tag am Mittag erschallen wird. „Wir nehmen die Nachbar ernst. Doch wir sind ein Teil der Gesellschaft, wir sind auch Menschen - nur mit einer anderen Religion.”
Dialog zwischen den Religionen und den Bürgern muss gepflegt werden
Für Pfarrer Friedrich Stiller ist das Minarett ein Symbol: „Es steht für das Ankommen der Muslime in unserer Gesellschaft.” Damit werde etwas nachgeholt - schließlich gibt es bereits seit 40 Jahren Muslime in Dortmund. Wichtig sei, dass der Dialog zwischen den Religionen und den Bürgern gepflegt werde.
Schritt für Schritt, so Adem Sönmez, müssen sich die verschiedenen Religionen annähern. „Sich gegenseitig kennenlernen” ist für ihn das Rezept der Integration. Ein runder Tisch soll in den nächsten Jahren die Akzeptanz bei den Bürgern fördern. Abseits von allen Farben.




















