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Zweite Chance wird meist genutzt

20.11.2010 | 15:00 Uhr
Zweite Chance wird meist genutzt
Die neuen Nachwuchskräfte beim Hagener Kaufhof mit ihren Betreuern.

Hagen/Bonn. Bei manchen Jugendlichen klappt es nicht mit der Lehrstelle. Die Noten reichen nicht, das Vorstellungsgespräch läuft schief oder eine Ausbildung wird abgebrochen. Aber es gibt eine zweite Chance: die Einstiegsqualifizierung (EQ).

Das ist ein Praktikum von mindestens sechs und höchstens 12 Monaten, finanziert von der Bundesagentur für Arbeit. Da können sich Arbeitgeber anschauen, ob es vielleicht doch hinhauen könnte miteinander. Und oft klappt es dann. 25 000 EQ-Stellen gibt es im Jahresmittel bundesweit, 1000 in Südwestfalen. Und 60 Prozent der Absolventen finden danach eine Ausbildungsstelle. Nicht immer im EQ-Betrieb, aber oft schon.

„Das ist eine sehr erfolgreiche Maßnahme“, sagt Klaus Kessler von der Arbeitsagentur in Hagen. Betriebe aller Größen und Sparten nehmen Problemfälle auf: Kfz-Werkstätten und Friseure, Transportgewerbe und Stadtverwaltungen, Handwerk und Handel. Zum Beispiel Galeria Kaufhof in Hagen.

Sechs Praktikanten haben im September/Oktober angefangen, fünf waren im Jahr zuvor im Programm. „Von denen haben wir zwei übernommen, zwei haben andere Plätze gefunden, und eine Teilnehmerin hat abgebrochen, weil ihr die Arbeitszeiten zu lang waren“, berichtet Petra Ehrlicher, Personalleiterin beim Kaufhof. EQ ist eben kein Wohlfühlpraktikum, sondern gleicht einer normalen Lehrstelle inklusive Berufsschule. Nur brauchen die Jugendlichen etwas mehr Betreuung.

Petra Ehrlicher engagiert sich in dem Bereich, weil sie viel Erfahrung in der Ausbildung hat, weil sie im Berufsbildungsausschuss der IHK mitarbeitet und weil sie findet: „Die jungen Leute haben eine Chance verdient.“ Deshalb setzt sie sich jede Woche ein bis zwei Stunden selbst mit ihnen zusammen, um beispielsweise die Grundsätze des Verkaufens klarzumachen. Üblich ist das nicht. Üblich ist es auch nicht, dass die Azubis von erfahrenen Paten an die Hand genommen werden. „Auch die Abteilungen müssen sich mehr reinhängen“, sagt Petra Ehrlicher. Es gibt ja durchaus Probleme: Motivationslöcher, kleine Disziplinlosigkeiten, Verspätungen. „Das macht schon mehr Arbeit“, hat Ehrlicher gelernt. „Aber wenn man sich Mühe gibt mit den jungen Leuten, erreicht man schöne Erfolge.“

Klaus Kessler von der Agentur für Arbeit warnt davor, junge Menschen zu früh aufzugeben. Auch bei EQ gibt es eine Abbrecherquote von etwa 15 Prozent. „Manche brauchen eben mehrere Anläufe. Die kommen vielleicht später auf Touren. Wichtig ist deshalb: „Keiner wird aussortiert.“

Wichtig ist das nicht nur für die Betroffenen und die Gesellschaft, sondern auch für die Unternehmen. Das hat beispielsweise die Telekom erkannt, die über vier Jahre hinweg bundesweit 270 benachteiligte junge Menschen in ihr integratives EQ-Projekt aufnimmt. Integrativ heißt dabei: Die Praktikanten sind keine Sondergruppe, sondern lernen mit den anderen Auszubildenden zusammen.

Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger begründet das so: „Angesichts des drohenden Fachkräftemangels ist es an der Zeit, die Talentgewinnung deutlich breiter aufzustellen. Wer frühzeitig die notwendigen Qualifizierungsstrukturen schafft, braucht später nicht zu jammern.“ Von den 61 Jugendlichen, die 2009 gestartet sind, wurden 50 von der Telekom übernommen. 42 konnten sogar direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen. Was bedeutet: Die Mühe lohnt sich.

Harald Ries



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