"Wir wollten in den Dschihad ziehen"
11.08.2009 | 08:00 Uhr 2009-08-11T08:00:00+0200
17 Verhandlungstage haben sie geschwiegen. Jetzt packen die vier Mitglieder der terroristischen Sauerland-Zelle vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf aus. Den Auftakt machte gestern der Radelsführer Fritz Gelowicz
Der 29-Jährige wirkt brav. Freundliche Augen schauen durch die Brille. Er trägt ein anthrazitfarbenes Hemd und Jeans. Vollbart und Frisur sind gepflegt. Seine Anwälte nehmen ihn in die Mitte. Der Tisch steht dem Vorsitzenden Richter Ottmar Breidling direkt gegenüber. Kein Panzerglas trennt die Parteien mehr. Und Breidling, bekannt als harter Hund, flötet wie selten: „Fangen Sie mit dem an, was Ihnen am Herzen liegt.”
Im Hochsicherheitstrakt herrscht seit der Ankündigung der Geständnisse am 9. Juni ein entspanntes Klima. Das Erscheinungsbild des Angeklagten passt nicht zu der Geschichte, die er unaufgeregt ohne Unterbrechung über Stunden erzählt. So, als ob es nicht seine Geschichte wäre, die von Hass und Gewalt, von Naivität und Abenteuerlust geprägt ist: „Wir wollten einfach in den Dschihad ziehen.”
Die Lust, gegen Ungläubige und US-Amerikaner in den Kampf zu ziehen, beginnt für den zum Islam konvertierten Gelowicz auf einer Pilgerreise nach Mekka im Januar 2005. Hier findet Gelowicz Mitstreiter. Tschetschenien und Irak schwebt den Männern als Einsatzgebiet vor. Ihr Wunsch findet wenig Gehör. Gelowicz: „Die richtigen Leute zu finden, ist schwer.”
Warum? „Fragen machen die Leute misstrauisch. Auch sagt niemand seinen richtigen Namen.” Über das Prinzip sparsamer Informationen in Terrorkreisen klären ihn später Beamte des Bundeskriminalamtes bei den Vernehmungen auf. Es heißt: „Kenntnis - nur wenn nötig.”
Monate später scheinen die Kontakte zu klappen. Mit dem Mitangeklagten Adem Yilmaz macht er sich über Teheran auf in die Region Waziristan im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. „Mir war das recht. Tschetschenien ist heftig.”
„Die Observation war so auffällig, dass man sie nicht übersehen konnte.”
Fritz Gelowicz
Daniel Schneider und Atilla Selek stoßen später dazu. Sein Bruder schickt ihm noch eine 800-Euro-Bafög-Nachzahlung hinterher. Am Ziel hat Gelowicz nur einen Gedanken ihm Kopf: „Wo können wir kämpfen?”
Die Mitglieder der Islamischen Dschihad Union (IDU) vor Ort bremsen die Kampfwilligen aus. Ausbildung ist angesagt. Drei Monate lang geht es um Sprengstoff, Zünder, Schaltkreise und Waffen. Überzeugt hat es Gelowicz nicht: „Das war nicht sehr professionell.” In Afghanistan will die IDU die Neulinge aus Deutschland nicht als Kämpfer sehen. „Sie sagten, es wäre besser, einen Anschlag auf US-Soldaten in Europa zu verüben. Hier könnten wir einen viel größeren Schaden erzielen. Unsere Absicht war dies nicht.”
Die Sauerland-Zelle leistet per Handschlag einen Treueschwur auf den Heiligen Krieg und verspricht Anschläge auf US-Einrichtungen. Gelowicz: „Auch bei El Kaida gab es in Europa niemanden. Wir waren die einzigen Europäer, die die Möglichkeit hatten, diese Operation durchzuführen.” Sein Eingeständnis lockt im Saal die Lacher hervor: „Wir haben uns selbst als nicht geeignet angesehen.” Nach der Rückkehr aus dem Iran und einer Besichtigung der US-Kaserne im hessischen Hanau beschattet sie der Verfassungsschutz. „Die Observation war so auffällig, dass man sie nicht übersehen konnte.”

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