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Wenn einer eine Reise tut...

13.05.2008 | 11:33 Uhr
Wenn einer eine Reise tut...

Hemer/Rietberg. Mit Bus und Bahn von Hemer nach Rietberg - und zurück. Von der Stadt der Landesgartenschau 2010 in die Stadt der aktuellen Landesgartenschau. Eine Reise, die es in sich hat.

Mit Bus und Bahn von Hemer nach Rietberg - und zurück. Von der Stadt der Landesgartenschau 2010 in die Stadt der aktuellen Landesgartenschau. Eine Reise, die es in sich hat. Steigen Sie ein und fahren Sie mit. Sie werden es bereuen. ÖPNV, öffentlicher Personennahverkehr. Hautnah, haarsträubend, hanebüchen.

7.10 Uhr: Es fängt gut an. Der Bus, Linie 1, fährt pünktlich am zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Hemer vor. Zum Hintergrund: Hemer hat keinen Bahnhof mehr, Rietberg auch nicht. Schweigsam, Knöpfe mit Musik im Ohr, steigen Schüler ein. Ruhige Atmosphäre. Es ist noch früh. Ein Ort der tausend Düfte. Mädchen bilden die Mehrheit. Themen im Gedränge: die Mathe-Arbeit, die Lehrstelle und Lothar, der, der lange nicht in der Schule war.

7.36 Uhr: Haltestelle Bahnhof Menden. Das Gros steigt aus. Wir auch. Drei Minuten Fußweg zu dem Gelände, das sich Bahnhof nennt. Die Augen glauben nicht, was sie sehen. Ein abbruchreifer Bau. Vernagelt, verrammelt, verdreckt. Ratten regieren. Zu hören ist, ein Investor Breuer hat große Pläne. Die Stadt diskutiert den Kauf für 2,7 Millionen Euro. Worauf warten?

7.40 Uhr: Warten auf Gleis 2. Der erste Eindruck verschärft sich. Hier ist die Bronx im Sauerland. Zweifelsfrei. Keine Uhr. Kein Fahrplan. Kein Nichts. Müll zum Anfassen, bergeweise, Graffitis zum Weglaufen. Und ein Lokführer, der aus der Regionalbahn 54 nach Neuenrade steigt, ans Telefon auf dem Bahnsteig will und unüberhörbar flucht: „Alles im Arsch hier.” Stumme Zustimmung.

8.13 Uhr: Der Zug Richtung Unna kommt. Fürs Protokoll: Überraschung, keine Verspätung. Unser Ticket scheint in Ordnung. Wir, zwei Personen, sind mit dem Gruppenticket, Preisstufe 9, des VRL, für Nichtwisser, so nennt sich die Verkehrsgemeinschaft Ruhr-Lippe, unterwegs. Der Preis 32,20 Euro, ein Tagesticket.

8.50 Uhr: Ankunft in Unna. Umsteigen gegenüber.

9.02 Uhr: Geplante Weiterfahrt, es wird sechs Minuten später. 

9.26 Uhr: Soest. Eine Baustelle als Bahnhof. Auf der Behelfsbrücke über die Gleise. Mal hin und mal zurück. Die spärliche Geisterstimme aus dem Lautsprecher weiß nicht, was sie will. Gleis 2? Gleis 4? Gut, dass wir gut zu Fuß sind.

9.42 Uhr: Abfahrt mit 10-minütiger Verspätung. Bahnfahrer wissen, das ist normal. Nun denn. 

9.58 Uhr: Lippstadt. Hetze zum Bus. Vier Minuten Weg. Der Fahrer der Linie 80 wartet. Er ist völlig entspannt. Seine Frage: „Gilt das Ticket hier überhaupt?” Antwort: „Wenn Sie es nicht wissen, sage ich: ja.” Frage: „Auch für zwei Leute?” Antwort: „Wir hätten noch drei mitnehmen können.” Achselzucken. „Ja dann. Bei den Tausend verschiedenen Fahrkarten blickt niemand mehr durch.” Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. 

10.07 Uhr: Wir sind bis Rietberg die einzigen Fahrgäste im Bus. Fürwahr ein großes Taxi mit seinen 43 Sitzplätzen und 44 Stehplätzen. Dazu ein freundlicher Fahrer. Er stimmt mit uns die Klimaanlage ab: „Gut so?” „Ja, danke.” Wo gibt es das schon? Nur in Ostwestfalen, im Vorfeld der Blümchenschau. 

10.27 Uhr: Rietberg. Landesgartenschau. Geschafft. Weiß Gott. 3 Stunden und 17 Minuten. 88 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten. Sei es, wie es sei: persönliche Bestleistung auf dieser Strecke mit dem ÖPNV. 

10.30 Uhr: Empfang am Eingang. Geschafft. Mitleidige Blicke und ungläubige Fragen: „Mit Bus und Bahn? Gibt es keine kürzere Verbindung?” Gibt es nicht. Nach einstündigem Studium der Fahrpläne am Vorabend und nach reiflicher Abstimmung mit der Bahn war es die beste und kürzeste Verbindung.

15.30 Uhr: Nach fünf Stunden Blütenzauber zurück. Der Pressesprecher der Landesgartenschau, Michael Langenstein, will uns die Rückfahrt verkürzen. Er bringt uns zum Bahnhof ins 16 Kilometer entfernte Gütersloh. 

15.55 Uhr: Ratlosigkeit am Schalter. Gilt er oder gilt er nicht? Gütersloh gehört zum VVOWL (Verkehrsverbund Ostwestfalen-Lippe). Mehrere Einzelgespräche hinter dem Schalter. Der Fahrschein wird in Augenschein genommen. Fazit: Er gilt nicht. Bis Hamm lösen wir die preiswerteste Fahrkarte: das so genannte Schöne-Reise-Ticket, 18,20 Euro für zwei Personen. Mit einer Bedingung: „In Hamm müssen Sie aus dem Zug und ihr VRL-Ticket entwerten.” Da fehlen dem Schreiberling die Worte. „Wir wollten eigentlich mit dem Zug bis Dortmund . . .?” Immerhin, der Westfalen-Express. „Nein, keine Chance. Vielleicht finden Sie einen freundlichen Schaffner, der es Ihnen im Zug entwertet.”

16.09 Uhr: Abfahrt. Die Suche nach dem freundlichen Schaffner beginnt. Es ist eine Schaffnerin. Erster Versuch. Nichts zu machen. „Das dürfen wir gar nicht.” Eine Viertelstunde später. Zweiter Versuch. „Sie wieder.” Erneuter Blick auf die Fahrkarte. Ein freundliches Lächeln. „Das müssen Sie nicht mehr entwerten. Das ist ein Tagesticket.” Der Irrsinn nimmt Fahrt auf. 

17.04 Uhr: Dortmund Hauptbahnhof. Ein Wasser zur Stärkung. 

17.23 Uhr: Letzte Bahnfahrt mit der Ardey-Bahn bis Iserlohn. Es reicht. Schon lange.

18.10 Uhr: Der Bus nach Hemer fährt vor unseren Augen ohne uns am Bahnhof weg. Pech.

18.24 Uhr fährt der nächste, Buslinie 1, wieder VRL. 

18.48 Uhr: Endlich Hemer. Die Zeit: 2 Stunden und 39 Minuten. Immerhin. Insgesamt: 5 Stunden und 56 Minuten, ein rekordverdächtiger ÖPNV-Marathon. ÖPNV - ein neues Reizwort.

P.S.: Zur Nachahmung nicht empfohlen.

Joachim Karpa

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Kommentare
14.05.2008
07:16
Wenn einer eine Reise tut...
von Detlef Dellbrügge | #13

Ich nenne diese Verwirrmöglichkeiten einfach Tarifdschungel! Kein Wunder, dass da keine S... mehr durchblickt.
Und ohne Anwalt verweigere ich jede weitere Aussage. Ist besser so ...

13.05.2008
22:48
Wenn einer eine Reise tut...
von ignorant | #12

> Linie LGS: Sonderfahrten zur Landesgartenschau in Rietberg; […] Sondertarif

Großartig! Da tun sich ungeanhnte neue Verwirrmöglichkeiten auf!

13.05.2008
19:18
Wenn einer eine Reise tut...
von Detlef Dellbrügge | #11

Moin Goofy, moin ignorant,
Herr Karpa muss am Wochenende gefahren sein, denn die einzige Verbindung um 7.10 Uhr geht auf einem Samstag am ZOB in Hemer los. Allerdings scheint die Strecke des Herrn Karpa eine Andere als die Ausgewiesene. Anbei die Fahrplan-Auskunft:

07:10 ab Hemer, ZOB: A - L.1 Menden; L.2 Landhs. (Taxistand) *Umgebungsplan*Stadtplan Bus Regionalbus 1
* 07:32 an Menden, Bf. (Bahnhofskreuzung): - St. Westwall; Ri. Nordwall *Umgebungsplan*Stadtplan Menden, Bf. (Bahnhofskreuzung)
* Niederflurbus
07:32 ab Menden, Bf. (Bahnhofskreuzung) Bus Bus 514
* 07:52 an Wickede, Bahnhof *Stadtplan Wickede, Bahnhof
08:03 ab Wickede, Bahnhof: Gleis 1 Zug R-Bahn RE57
* 08:35 an Dortmund Hbf: Gleis 2 *Umgebungsplan*Stadtplan Dortmund Hbf
* Fahrradmitnahme begrenzt möglich
08:55 ab Dortmund Hbf: Gleis 8 Zug R-Bahn RE6
* 09:42 an Rheda, Bahnhof: Gleis 8 *Stadtplan Minden, Bahnhof
* Fahrradmitnahme begrenzt möglich
09:50 ab Rheda, Bahnhof Bus Bus LGS
* 10:25 an Rietberg, ZOB *Stadtplan Rietberg, ZOB
* Linie LGS: Sonderfahrten zur Landesgartenschau in Rietberg; nur Samstags/Sonntags;Sondertarif, vorhandene Tickets des Sechsers werden mit Ausnahme desSchulwegtickets anerkannt.
*

13.05.2008
17:15
Wenn einer eine Reise tut...
von Goofy | #10

Stimmt leider. :-(
Das hat man davon, wenn man der Werbung
Damit können sie einen ganzen Tag lang ...
vertraut. Also nur für Langschläfer empfehlenswert.

13.05.2008
16:28
Wenn einer eine Reise tut...
von ignorant | #9

@Goofy (#7):
Das SchönerTagTicket für 33,– EUR wäre allerdings erst ab 9:00h gültig gewesen (unter der Annahme, dass Herr Karpa nicht am Wochenende gefahren ist.)

13.05.2008
15:04
Wenn einer eine Reise tut...
von Goofy | #8

Ein Teil der Probleme des Autors hätte sehr leicht
vermieden werden können, wenn man sich vor der
Fahrt nur ein wenig über die Tarife und deren Bestimmungen informiert hätte. Ein VRL-Ticket für 32,50 EUR zu kaufen, ist unsinnig, wenn man für nur 50 Cent mehr durch ganz NRW reisen kann. Das Unwissen auch des Personals bzgl. der überflüssigen Entwertung des Tagestickets ist allerdings erschreckend.
Davon unabhängig finde ich die Reisezeit für die Strecke noch erstaunlich gut. Im - eigentlich gut
erschlossenen Ruhrgebiet - benötige ich für 25 km 90 Minuten, wobei die Spitzenwerte diesen Monat bei 2:30 Stunden bzw. 3:45 Stunden lagen. Das als
Dauerzustand, da schrecken einen keine Benzinpreise mehr, alleine für die Zeitersparnis und den Komfortgewinn im eigenen Pkw zahlt man gerne an der Zapfsäule.

13.05.2008
14:56
Wenn einer eine Reise tut...
von Goofy | #7

Stellwerke dürfen aus Sicherheitsgründen nicht einfach so baulich verändert werden, deshalb läßt man unbenutzte Signale weiter leuchten.

13.05.2008
11:49
Wenn einer eine Reise tut...
von Horst | #6

Interessanterweise sehe ich an stillgelegten, oder durch Weichenausbau unbrauchbar gemachten Strecken immer häufiger noch funktionsfähige und in Betrieb befindliche Signalanlagen.

Warten Sie, weshalb werden vielfach die Ticketpreise erhöht?! Erhöhte Energiepreise?! Na, dann laßt mal die unnützen Signale schön an....

13.05.2008
10:40
Blockierter Kommentar.
von Tom009 | #5

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

13.05.2008
09:38
Wenn einer eine Reise tut...
von Sven | #4

ja .. die Streckenstillegungen der Bahn haben mittlerweile ein erschreckendes Ausmaße angenommen.

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