Weihnachts-Wunschzettel
12.12.2008 | 17:10 Uhr 2008-12-12T17:10:00+0100
Meine ersten erinnerlichen Weihnachtswünsche stellte ich direkt an das Christkind mittels eines bestmöglich gemalten Wunschzettels.
Der wurde an einem frühen Adventsabend feierlich auf der Blumenbank direkt am großen Fenster abgelegt. Gut sichtbar, damit die zuständigen Engel bei all ihrem Vorweihnachtsstress nicht erst lange danach suchen mussten. Am nächsten Morgen war der Wunschzettel tatsächlich wunschgemäß verschwunden; eine kleine Süßigkeit lag stattdessen dort, augenfälliger und schmackhafter Beweis, dass die himmlische Kontaktaufnahme plangemäß funktioniert hatte.
Da die Engel die Geschenke für alle Kinder auf der Welt ja nicht zeitgleich erst am Heiligen Abend in die Stuben bringen können, wurde für mich in den Vorweihnachtstagen ein besonderes Tabuzimmer ausgewiesen, das auch stets sorgfältig abgeschlossen blieb. Durch das Schlüsselloch erspähte ich alsbald die eine oder andere geheimnisvolle Verpackung, was die Spannung ins schier Unerträgliche steigerte.
In einem Jahr erlag ich dem Nervendruck auf tragische Weise, als ich nämlich (nicht ganz zufällig, wie ich einräumen muss) einen Ersatzschlüssel zum indiskreten Öffnen fand. Und siehe da, der erhoffte Schlitten stand tatsächlich schon parat. Die Sache flog leider irgendwie auf, die Engel wurden von meinen Eltern informiert und transportierten in einer gnadenlosen Nacht- und Nebelaktion den Schlitten einfach wieder ab. Weil das Geschenkdepot von nun an unverschlossen blieb, hatte ich den entsprechend traurigen Überblick über die unbarmherzige Konsequenz der verhängten Strafmaßnahme.
Wo am Heiligen Abend der Schlitten schließlich doch wieder herkam, entzog sich meiner Kenntnis, war mir aber auch in seliger Dankbarkeit herzlich egal. Immerhin wirkte jener adventliche Schock nachhaltig genug, um mich nie wieder in neugierige Versuchung und verschlossene Tabuzimmer kommen zu lassen.

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