Vorsicht, stille Gefahr!
27.01.2010 | 17:01 Uhr 2010-01-27T17:01:00+0100
Hagen. Ein Traum: lautlos mit dem umweltfreundlichen Elektromobil durch die Stadt cruisen. Ein Alptraum: als Fußgänger unter die Räder eines heimtückisch lautlosen Autos geraten. Der geräuscharme Elektroantrieb hat auch seine Schattenseiten. Die Autohersteller machen sich bereits Gedanken.
Und zwar nicht nur über eine Warnfunktion. Man muss, so man verkaufen will, an den Kunden denken, also den Fahrer. Und der will möglicherweise hören, dass er beschleunigt. Autokauf ist Gefühlssache. Und für den Fahrspaß spielt der Klang eine wichtige Rolle. Deshalb investieren alle ins Sounddesign. Bei einem Sportwagen bis zu fünf Prozent der Entwicklungskosten.
Beim Elektromotor, der kaum ein Eigengeräusch erzeugt, haben die Akustiker alle Möglichkeiten. Sie könnten E-Mobile wie Raumschiffe, Staubsauger oder Hubschrauber klingen lassen. Sie tüfteln fleißig. Aber sie sagen wenig.
„Der Wettbewerb liest auch Zeitung”, bittet Audi-Sprecher Udo Rügheimer um Verständnis. „Deshalb kommunizieren wir jetzt nichts.” 2014 wird Audi die erste Elektro-Kleinserie auf den Markt bringen, und natürlich macht man sich in Ingolstadt Gedanken über den Schutz der Fußgänger. Rügheimer kann sich vorstellen, dass künftig zur Zulassung ein Mindest-Geräuschpegel erforderlich ist. So wie Gabelstapler beim Rückwärtsfahren piepsen müssen. Doch den piepsenden Audi soll es nicht geben. Sondern? „Wir haben Konzepte, die Sicherheit und Fahrfreude berücksichtigen”, sagt Rügheimer. Mehr nicht.
Wunsch-Sound auf Knopfdruck
Auch bei der Mutter in Wolfsburg bleibt man lieber im Ungefähren. „Wir haben das Gefahrenpotenzial erkannt”, erklärt VW-Sprecher Hartmut Hoffmann: „Das Elektroauto muss akustisch wahrnehmbar sein.” Aber wie es klingt, wenn es 2013 auf den Markt kommt, ist noch nicht entschieden. Möglicherweise in der Stadt anders als auf der Autobahn. Möglicherweise mit mehreren Varianten zum Umschalten: „Die Geschmäcker sind auch beim Klang sehr verschieden.”
BMW hat bereits Rückmeldungen. In Berlin kurven 50 E-Minis herum, in den USA mehr als 500. „Die überwiegende Zahl der Fahrer schätzt die Geräuschlosigkeit”, hat BMW-Sprecher Tobias Hahn erfahren. „Sie finden herrlich, wie gut man sich unterhalten kann, dass man mit einer kleinen Audioanlage auskommt und die Umgebung besser wahrnimmt. Das sollte man nicht unter einer künstlichen Geräuschlawine begraben.”
Und die Sicherheit? „Das Gesetz schreibt nichts vor”, sagt Hahn. „Falls das kommt, könnten wir aber schnell reagieren. Es gibt da verschiedene Möglichkeiten.” Dann weist er darauf hin, dass ein langsam fahrender 6-Zylinder auch kaum Motorengeräusche produziert. „Und das wurde noch nie als Problem gesehen.”
Fußgänger-Warnsystem
Ähnlich argumentiert Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber: „Seit 100 Jahren hat man sich daran gewöhnt, dass Radfahrer keinen Lärm machen. Und niemand hat je gefordert, dass das Fahrrad permanent Geräusche abgibt. Man hat eine Klingel eingeführt.” Die wäre allerdings lustig für einen Mercedes, der außerdem schneller und schwerer ist als ein Fahrrad. Weber denkt deshalb eher an Assistenzsysteme, die den Fahrer vor Fußgängern warnen. Über das ideale Klangbild für E-Mobile hat er trotzdem schon nachgedacht: „Es sollte ein tiefes Geräusch sein, das Kraft ausströmt und angenehm wirkt. Ein bisschen betörend, aber nicht aggressiv.”
Opel bringt Ende 2011 den Ampera, einen modifizierten Chevrolet Volt auf den Markt. Ohne Zusatzgeräusch. „Prinzipiell halten wir es für sehr wichtig, dass das Zeitalter der Elektromobilität ohne den Einsatz künstlicher Sounds gestartet wird”, sagt Uwe P. Deller, Leiter der Technologiekommunikation.
Praxistest in Köln
Für manche Verkehrsteilnehmer spielt der Autoklang sowieso keine Rolle, hat Felix Huber, Professor für umweltverträgliche Verkehrsplanung an der Universität Wuppertal, beobachtet: „Fußgänger sind immer öfter mit Handy oder iPod beschäftigt. Wären sie aufmerksamer, wären viele Unfälle vermeidbar.” Elektroautos sieht er positiv: „Dann haben wir eine niedrigere Lärmkulisse, und die Fußgänger werden wieder sensibler.”
Das sollten sie in Kürze besser auch in Köln sein. In den nächsten Wochen startet das „colognE-mobil”-Projekt, für das Ford jetzt 10 Transits und im kommenden Jahr 25 Focus-Modelle bereitstellt. Je nachdem, wie Passanten, die den Zebrastreifen nur nach Gehör überqueren, und Fahrer reagieren, wird dann ein Sound-Design entwickelt, erklärt Ford-Sprecher Isfried Hennen. Vorerst heißt es also: Vorsicht, stille Gefahr!

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