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Ruin der Milchbauern

Von 23 Cent kann man nicht leben

11.05.2009 | 23:26 Uhr
Von 23 Cent kann man nicht leben

Altena. Großendrenscheid im Märkischen Kreis: 450 Meter Höhenlage, grüne Wiesen an steilen Hängen.

Wer hier Landwirtschaft betreibt, hat keine Alternative zur Milchviehhaltung. Aber davon leben kann er auch nicht. Die Preise sind im Keller, Milchbauern in Existenznot. Nicht nur im Märkischen, sondern auch im Hochsauerland und in Wittgenstein.

Joachim Spelsberg steht mit gemischten Gefühlen im Kuhstall mit 70 Tieren. Jede Kuh gibt 7500 Kilogramm Milch pro Jahr. Die Milchquote hat er auf 520 000 Kilo zusammengekauft. Doch die Milch macht's nicht mehr: Die Molkerei zahlt 23 Cent pro Kilo. Er würde gern in einen Jungviehstall investieren - doch die Zukunft ist dafür zu ungewiss. „Im Schnitt gab es seit 1980 etwa 30 Cent für die Milch. Zur Zeit sind es 23 Cent. Die Futterkosten allein liegen aber bei 18 Cent, meine Produktionskosten insgesamt bei 35 bis 40 Cent. So kann man kein Geld verdienen. Im Gegenteil: Man muss Reserven anbrechen. An Investitionen kann man da nicht denken.” Die wären aber nötig für die Zukunft: Sohn Alexander (17) möchte den Hof später übernehmen. Ob es dann den Hof noch gibt, ist ungewiss: „Ich weiß nicht weiter.” Die Kühe machen sich keine Sorgen. Über 20 Kilogramm Milch gibt jede von ihnen täglich. Das ist bei sinkenden Erlösen kein Segen: Die Milch muss verkauft werden, man kann die Kuh nicht stilllegen, weil Überangebot die Preise verdirbt. Denn es wird mehr Milch produziert als verkauft. Die Folge: Preistief.

Wir brauchen keine Butterpreise wie 1948, das ist keine Stärkung der Verbraucher, sondern der Ruin der Milcherzeuger.” Franz-Josef Möllers  

Die Schieflage entsteht, weil die Exportmärkte weg brechen und der Inlandsverbrauch sinkt. Dazu geben die Deutschen in der Wirtschaftskrise weniger Geld für Lebensmittel aus, meint Franz-Möllers, westfälisch-lippischer Bauernpräsident. „Ein gerechter Milchpreis hängt aber vor allem vom Lebensmitteleinzelhandel und insbesondere den Discountern ab, die die Molkereien bei den Preisverhandlungen regelrecht erpressen.” Die Folge: Milch kostet im Angebot unter 50 Cent, Butter 65 Cent. „Wir brauchen aber keine Butterpreise wie im Jahr 1948, das ist keine Stärkung der Verbraucher, sondern der Ruin der Milcherzeuger.” Dabei haben die Verbraucher kaum Einfluss, nehmen Superpreise dankbar an, akzeptieren aber auch höhere Preise, zum Beispiel bei „Bauernmilch”. Hinzu kommt: Es geht ja nicht nur um die Milch, sondern um alles, was daraus gemacht wird. Und die Unmengen an milchfreiem Analogkäse sind nur ein Aspekt. Was passiert, wenn sich die Milchproduktion nicht mehr lohnt?

Am ersten wäre das der Fall in den Gegenden, in denen die Bauern keine Alternative haben: In bergigen Grünlandregionen. Im Bergischen und im Sauerland. Die Wiesen verschwinden, Sträuche und Bäume wachsen nach. Auch der Preis der Milch und alles, was daraus gemacht wird. „Wenn es mit den historischen Tiefpreisen so weitergeht, kommt es zum Tod der Milchviehhaltung”, sagt Möllers. „Dann sind 40 Prozent der Milcherzeuger in wenigen Jahren weg. Dann wird die Milch importiert, in Folge steigen die Preise.” Gibt es Auswege für Joachim Spelberg und seine Kollegen? In Westfalen-Lippe gibt es 5500 Milchviehhalter mit 203 000 Tieren, die 1,5 Millionen Tonnen Milch produzieren. „Der Lebensmittel-einzelhandel muss auf Dumpingpreise verzichten, die Molkereien härter verhandeln und die Politik einen freien Milchmarkt schaffen ohne Quote”, sagt Möllers. Bis dahin gelte es, erste Hilfe zu leisten, das Zusammenbrechen der Strukturen zu stoppen. Das bedeutet für ihn Liquiditätshilfen, steuerliche Risikoausgleichsrücklage, Marktentlastung. Alles Themen, die heute beim Milchgipfel in Düsseldorf zur Sprache kommen sollen.

Ein Milchstreik aber steht nicht zur Debatte: „Der kostet uns nur Marktanteile. Unsere EU-Nachbarn warten doch nur darauf”, sagt Möllers. „Eine Marktbelebung muss doch möglich sein.” Alexander Spelsberg hört es nicht mehr. Er ist zu seinem Lehrbetrieb zurückgekehrt. Nicht nur seine Zukunft hängt vom Milchpreis ab.

Ulrich Friske

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Kommentare
21.05.2009
20:18
Von 23 Cent kann man nicht leben
von wbamg | #3

@lale9
Ich habe leider noch keinen Laden gefunden, der die + 10 cent für einen Liter Milch durchzieht, wenn ich ihn finde mach ich mit, denn ich kenne genug Milchbauern, denen es wirklich ******* geht. Zumal ich lieber Rohmilch vom Bauern kaufe als aus dem Laden, da weiß ich, was ich habe.

13.05.2009
15:46
Von 23 Cent kann man nicht leben
von lale9 | #2

Nein, warum auch ?
Es ist doch egal, wie die Lage sich gestaltet, die Landwirte sind die ersten die im Januar über mögliche Ernteausfälle im August jammern. Jetzt wo keiner mehr hinhört, sind es die Milchpreise und morgen haben sie etwas anderes.

13.05.2009
11:51
Von 23 Cent kann man nicht leben
von brombowle | #1

Jeden Tag höre ich um mich herum: Bei Aldi, da gibts das jetzt so billig. Billiger als bei Lidl. Ja, ja, aber bei Penny kannst du nochmal 2 Cent sparen.

Leute, schämt ihr euch eigentlich nicht?

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