Verschobene Spiele lösen schweres Beben in der Fußballwelt aus
20.11.2009 | 19:14 Uhr 2009-11-20T19:14:00+0100
Bochum. Schilder weisen im Bochumer Polizeipräsidium den Weg: Pressekonferenz „Internationale Wettbetrügereien” ist überall zu lesen.
Im Sitzungssaal 117 im ersten Stock spielen sich Szenen ab, die es so in diesem Raum noch nicht gegeben hat. Gedränge und Geschiebe. An den Wänden geraten Bilder der Bundespräsidenten Rau und Heinemann über den Ansturm der Medienwelt ins Wanken. Der Wettskandal im europäischen Fußball elektrisiert.
Dicht gedrängt, in Schweiß gebadet, verfolgen Journalisten die Bilanz der Ermittlungen. Keine Namen, keine Vereine, keine Spiele, keine Summen. Reihum Enttäuschung. Staatsanwalt Andreas Bachmann sagt diesen Satz in dieser Stunde nicht nur einmal: „Aus ermittlungstaktischen Gründen sagen wir keine Einzelheiten.” Und: „Wir können nicht in die Tiefe gehen.” Jeder Versuch schlägt fehl.
Dafür sickern im Laufe des Tages von anderer Seite immer mehr Einzelheiten durch. Nicht selten ist viel Spekulation im Spiel. Ein Spieler des Drittligisten FC Würzburger Kickers soll unter den 15 in Deutschland festgenommenen Verdächtigen sein. Eine andere Spur führt nach Osnabrück. Die Neue Osnabrücker Zeitung führt einen 34-Jährigen aus Lohne als Drahtzieher ins Feld. Er soll mit Hilfe zweier Spieler des VfL Osnabrück zwei Spiele in der vergangenen Zweitliga-Saison manipuliert haben. Auch er sitzt in Haft.
Die Süddeutsche Zeitung rollt das Freundschaftssspiel des Regionalligisten SSV Ulm 1846 gegen Fenerbahce Istanbul vom Juli 2009 auf. Die türkische Mannschaft gewann die Begegnung mit 5:0. Ihr Trainer, damals wie heute, ist ein Mann, der die Öffentlichkeit und Skandale nicht scheut: Christoph Daum.
Seriöser als der Kölner Trainer tritt der Bochumer Polizeidirektor Friedhelm Althans auf. Er beschreibt im Beamtendeutsch wie die international organisierte Bande gearbeitet hat. „Für den Fall der Bereitschaft zu Spielmanipulationen setzen die Führungspersonen auf verschiedenen Wegen hohe Bargeldbeträge auf entsprechende Spielausgänge bei europäischen und asiatischen Wettanbietern”, so Althans. „In Unkenntnis der vorher verabredeten Manipulationen zahlten die jeweiligen Wettveranstalter neben dem Einsatz auch die betrügerisch erlangten Gewinnsummen an die Mitglieder der Bande aus.”
Der entstandene finanzielle Schaden lässt sich nicht konkret nennen. Polizei und Staatsanwalt sprechen von einem so genannten Quotenschaden. Althans: „Das Gesamtvolumen beträgt zehn Millionen Euro. Es ist erst die Spitze des Eisbergs.” Er rechnet noch mit monatelangen Ermittlungen.
Völlig unklar ist, ob manipulierte Spiele wiederholt werden müssen, zumal Begegnungen der aktuellen Europokalsaison betroffen sind. Peter Limacher, Leiter der Disziplinarabteilung der Europäischen Fußball-Union (Uefa): „Wir müssen erst die Täter ermitteln, dann können wir sagen, welche Konsequenzen es gibt.” Die Uefa war seit Juni mit in die Ermittlungen eingeschaltet.
Wind vom fortgesetzten gewerbsmäßigen Bandenbetrug, so der juristische Vorwurf, bekam die Polizei in Bochum durch eine Telefonüberwachung im Milieu der organisierten Kriminalität. Die Mindeststrafe bei diesem Vergehen beträgt ein Jahr.

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