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Amoklauf

Trauer in Winnenden - Für Stille bleibt kaum Raum

21.03.2009 | 08:37 Uhr
Trauer in Winnenden - Für Stille bleibt kaum Raum

Winnenden. Trauerflor an Taxis, Bäumen und Geschäften: Der Schmerz ist greifbar, die Stimmung gedrückt. Zehn Tage nach dem Amoklauf bestimmen leise Töne das Leben in Winnenden. Zur heutigen Trauerfeier werden Zehntausende erwartet.

Zur größten Trauerfeier in der Geschichte Baden-Württembergs werden heute Zehntausende erwartet. An der Feier in der Borromäus-Kirche wollen unter anderem auch Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) teilnehmen.

Trauernde stehen am Freitag in Winnenden vor der Albertville-Realschule vor Blumen und Kerzen, die in Gedenken an die Opfer des Amoklaufs mit 16 Toten aufgestellt sind. Bei dem Amoklauf hatte der 17-Jaehrige Tim K. in seiner ehemaligen Schule und bei seiner Flucht nach Wendlingen 15 Menschen getoetet und sich anschliessend selbst erschossen. Foto: ddp

„Lasst uns in Ruhe trauern” bittet die Winnender Zeitung. Vergeblich. Die fette Schlagzeile hilft nicht. Heute schaut die ganze Welt zu, die ARD überträgt live. Die Lokalzeitung verschafft den Menschen im Ort ein Ventil. Sie sind empört und wütend über das Auftreten der Medienvertreter. Jedes Gebet und jedes Gedenken am Tatort, an der Albertville-Realschule, begleiten mindestens zehn Objektive. Kein privater Moment ist möglich. Jegliche Anteilnahme gerät zum Schaulaufen der Kameramänner und Fotografen. Ein Treiben wie auf dem Jahrmarkt, keine Chance für Stille, für eigene Gedanken.

Der Leiter der Lokalredaktion, Frank Nipkau, wirkt erschöpft und abgekämpft. Ihn macht es fassungslos, mit welcher Wucht und Skrupellosigkeit die Kollegen zuschlagen. „Die Polizei musste Streifen abstellen, um Angehörige vor Belästigungen der Journalisten zu schützen.” Und er erzählt die Geschichte von Uwe Schill, Vater der ermordeten Chantal, der die Redaktion besucht.

Dem Vater geht es um Dankbarkeit für den großen Beistand in der Bevölkerung - und den Schmerz und die Ohnmacht darüber, wie die Bild-Zeitung und Fernsehsender sich des Bildes seiner Tochter bemächtigen. Sie, eines der 15 Opfer, liegt noch tot in der Schule, da steht, zwei Stunden nach dem Verbrechen, der Reporter vor der Haustür und will Bilder der Schülerin. Vater Schill: „Kein Ausdruck des Beileids, keine Rücksicht, kein Mitgefühl. Mein ältester Sohn hat ihn dann von der Tür gewiesen.”

Schill kann letztlich die Veröffentlichung der Bilder von Chantal nicht verhindern. „Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid. Dreimal hintereinander sind Bilder von Chantal erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt.”

Redaktionsleiter Nipkau kritisiert das Bedrängen schwer traumatisierter Menschen - und die Jagd auf die Opfer, die Jagd nach Namen, Adressen, Telefonnummern und Fotos getöteter Schüler und Lehrer. Seiner Ansicht nach ist „der Abschied von der Berufsethik längst im journalistischen Mainstream angekommen”.

Für die Winnender Zeitung reklamiert er eine verantwortungsbewusste Berichterstattung: „Wir müssen nicht alles wissen, wir müssen nicht alles schreiben, und wir müssen nicht alles zeigen - und können trotzdem eine gute Zeitung machen.” Die Winnender Zeitung berichtet nicht über Beerdigungen und zeigt auch keine Opfer-Fotos.

„Lasst uns in Ruhe trauern.” 

Ein Holzkreuz in dem weisse Blumen stecken, steht am Freitag (20.03.09) in Winnenden vor der Albertville-Realschule in Gedenken an die Opfer des Amoklaufs mit 16 Toten. Bei dem Amoklauf hatte der 17-Jaehrige Tim K. in seiner ehemaligen Schule und bei seiner Flucht nach Wendlingen 15 Menschen getoetet und sich anschliessend selbst erschossen. Foto: ddp

Unterdessen ziehen Einheimische erste Konsequenzen aus dem grausamen Geschehen. „20 Waffen verschiedener Kaliber sind seit vergangenem Mittwoch im Landratsamt abgegeben worden”, sagt der Landrat des Kreises Rems-Murr, Johannes Fuchs. 9304 registrierte Waffenbesitzer mit 32 258 gemeldeten Waffen gibt es in dem Kreis. Auch der Vater des Täters Tim Kretschmer will seine Waffen abgeben. Sein Sohn hatte mit seiner Beretta 15 Menschen und sich selber erschossen.

Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet. Das Meer aus Blumen, Kerzen und Briefen an der Schule stellt sie tausendfach: Warum? Die ganze Stadt fragt und fühlt mit. Heute bleiben die Geschäfte geschlossen. „Lasst uns in Ruhe trauern.”

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Joachim Karpa

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Kommentare
21.03.2009
10:38
Trauer in Winnenden - Für Stille bleibt kaum Raum
von Dilldappe | #3

Der Profit den diese Schundblätter und Schundsender mit dem Leid und Schmerz der Angehörigen kassieren, müsste sofort abgeschöpft werden. Diese Gelder gehören meiner Meinung den Angehörigen der Opfer und nicht diesen Sensationsgeilen Perverslingen der Medienlandschaft.

21.03.2009
10:25
Trauer in Winnenden - Für Stille bleibt kaum Raum
von Tom 66 | #2

In ein paar Wochen ist alles wieder vergessen. Dann werden in allen Schulen in Deutschland die schwächeren wieder gemobbt. Und wenn dann wieder was passiert, ist jeder erschüttert. Man sollte vorher aufklären und nicht vergessen.

21.03.2009
09:20
Trauer in Winnenden - Für Stille bleibt kaum Raum
von dsnero20090312 | #1

Wenn die Medien von sich aus Menschlichkeit und Menschenwürde nicht mehr achten, dann muss man wohl auch da dringend was verbieten!
Und das ist dringender als Waffen und Ballerspiele. Denn dorther kommt die öffentliche Erniedrigung der Menschen zu Sensations-Objekten, Verrohung, Gewalt (s. freies Fernsehen) und nicht zuletzt die Werbung für Amok und Terrorismus. Oder was ist es anderes, dass nach Winnenden oder den Terroranschlägen z.B. in Spanien auf den Titelseiten der Zeitungen passiert, als Werbung und Erfolgs-Beweis.

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