Theaterschließung in Hagen: Ein Spiel mit dem Feuer
04.05.2009 | 07:01 Uhr 2009-05-04T07:01:00+0200Hagen. Wie wichtig sind Kultur und Bildung? Der Hagener Generalmusikdirektor Florian Ludwig spricht im Interview über die Pläne, das Theater Hagen zur reinen Gastspielbühne zu degradieren.
Das Theater Hagen muss um seine Existenz fürchten. In der politischen Diskussion stehen Sparpläne, die eine Auflösung der Sparten vorsehen und das Haus zur Gastspielbühne degradieren wollen. Im Interview mit unserer Zeitung erläutert Generalmusikdirektor Florian Ludwig die Bedeutung der Ensembles und der kulturellen Werte in Zeiten der Krise.
Die Sparszenarien sehen unter anderem eine Auflösung der Ensembles vor, verbunden mit betriebsbedingten Kündigungen. Kann man durch einen so gravierenden Schritt wirklich sparen?
Florian Ludwig: Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man mit der Schließung des Theaters Hagen einen großen Betrieb plattmacht. Das Einsparpotenzial bei der Umwandlung in eine Gastspielbühne ist lächerlich im Vergleich zu dem, was verloren geht. Man muss auch bedenken, dass bei Gastspielen das ganze Geld, das die Tourneetheater verdienen, der Stadt verloren geht. Bei einem Ensembletheater bleiben die Einnahmen vor Ort, die Musiker, Sänger, Mitarbeiter der Werkstätten leben in Hagen und geben ihr Gehalt hier aus.
Kann sich eine derart hoch verschuldete Stadt wie Hagen ein eigenes Theater überhaupt leisten?
Florian Ludwig: Der Hagener Schuldenberg ist in 30 Jahren entstanden, den wird man nicht in drei Jahren abbauen, schon gar nicht durch die Kündigung der Ensembles. Ich bin für Schuldenabbau, aber es fehlt mir in der Diskussion die positive Zukunftsvision für die Stadt. Am Beispiel Oberhausens sieht man, dass eine Stilllegung des Musiktheaters überhaupt nichts bewirkt. Die Stadt ist heute noch ärmer als vorher.
Es gibt Argumente, das Theater bediene nur die Bedürfnisse einer elitären Bevölkerungsschicht. Stimmt das?
Florian Ludwig: Das Gegenteil ist der Fall. Das Hagener Theater, das übrigens dank der Treue seines Publikums zwei Weltkriege überlebt hat, spricht alle Schichten und Altersgruppen an. Das ist etwas, was nach der Umwandlung in eine Gastspielbühne nicht mehr erreicht werden kann, weil die Bindung fehlt.
Was unterscheidet ein Ensembletheater von einem Bespielhaus?
Florian Ludwig: Die Mitglieder wirken in der Stadt auch weit über ihre Arbeit am Theater hinaus. Viele Orchestermusiker leiten in ihrer Freizeit ehrenamtlich Chöre oder Musikvereine, viele Sänger wirken ehrenamtlich in Gottesdiensten mit oder engagieren sich sozial in Altersheimen. Das wird alles zunichte gemacht. Wenn ich daran denke, was Werner Hahn mit seinen integrativen Jugend-Projekten bewirkt oder was das Orchester mit seiner schulpädagogischen Arbeit umsetzt: Wenn das wegbricht, dann kann es einem um die Zukunft der Stadt schon Angst und Bange werden.
Der Hagener Theater-Etat ist der kleinste in NRW. Ist da noch mehr zu sparen?
Florian Ludwig: Das Actori-Gutachten zeigt, dass das Theater seine Aufgaben gemacht hat. Und es zeigt, dass jetzt, wenn weiter gespart wird, das kulturelle und soziale Leben entscheidend geschädigt wird. Das Gutachten hat ganz genau nachgewiesen, dass das Theater Hagen in den vergangenen fünf Jahren mit seinem Etat ausgekommen ist, trotz der Lohnerhöhungen, dass es in den letzten 20 bis 25 Jahren bereits mehrere Millionen und knapp 30 Prozent seines Personals eingespart hat. Ich freue mich, dass im Kultur- und Weiterbildungsausschuss alle Parteien gesagt haben, dass sie das Theater in seiner jetzigen Form (!) erhalten wollen und betriebsbedingte Kündigungen mit ihnen nicht zu machen seien. Aber das dürfen keine Lippenbekenntnisse bleiben.
Warum ist Theater denn so wichtig?
Florian Ludwig: Die Frage ist doch, wollen wir Kultur und Bildung oder wollen wir sie nicht? Das ist eine Richtungsentscheidung. Wir stehen vor einem Dammbruch. Wie soll Düsseldorf sagen, wir helfen euch, wenn das Bekenntnis zur Kultur und zur Bildung in der Kommunalaufsicht und in Teilen der Kommunalpolitik nicht so deutlich ist, wie es sein sollte. Es ist auch eine Wertediskussion, das darf man nicht vergessen, Wertediskussion, überlagert durch die Wirtschaftskrise. Kultur definiert ja Werte und hilft die Krise zu meistern.
Macht die Arbeit unter solchen Bedingungen noch Freude?
Florian Ludwig: Wir sind bei der Kritiker-Umfrage zum zweitbesten Theater in NRW gekürt worden, trotz unseres sehr mageren Etats. Ich bin glücklich mit der Qualität, die wir bieten können, auch unter diesen belastenden Angriffen. Das liegt am überprofessionellen Engagement der Ensembles. Wir haben viel vor, um es mit Trapattoni zu sagen: Ich habe noch lange nicht fertig.
Mit GMD Florian Ludwig sprach Monika Willer.

18:52
Wer finanziell so am Ende ist wie die Stadt Hagen, der muß als Folge der teilweise selbst verschuldeten Misere eben kürzer treten und eisern sparen. Wenn dann auch noch zig Millionen Euro für Aufbau-Ost und solchem Irrsinn wie die Brandt-Migration auf Kosten der Stadt Hagen abgehen, wird die Sache nicht besser aber es erklärt die Dramatik.
Ansonsten: In Dortmund, Bochum, Essen und weiteren, von Hagen nicht allzufern befindlichen Orten, existieren Opern, Ballett, Schauspiel, Konzerthäuser und viele weitere Kultureinrichtungen. Da könnte mensch doch auch Kultur tanken .....
17:49
Lieber Hagenerinnen und Hagener,
die Politiker sollen gestopt werden. Hier etwas zum Lesen:
http://www.freundederkuenste.de/startseite/einzelansicht/article/in_hagen_wird_sich_totgespart.html
08:25
Ich selbst bin kein Theatergänger. Sicherlich entstehen durch den Betrieb Kosten in nicht unerheblich er Höhe. Dennoch bin ich der Auffassung, dass der Stadt vieles verloren ginge, wenn der Betrieb eingestellt würde. Was die Stadt gewinnen würde wäre lediglich ein negatives Immage. Klar ist, dass bei der derzeitigen Finanzlage alle sog. freiilligen Aufgaben auf dem Prüfstand stehen müssen, auch müssen Gedankenspiele erlaubt sein, wie das Riesendefizit abgebaut werden kann, aber es darf auch nicht vergessen werden, Hagen ist ein sog. Oberzentrum und muss um dieser Funktion gerecht zu werden Einrichtungen anbieten, die Geld kosten. Ansonsten braucht es kein Oberzentrum mehr sein, es kommen noch weniger Zuwendungen und Hagen wird noch provinzieller als es jetzt bereits ist. Wenn ich den Bestand an Facheinzelhandel in der Hagener Innenstadt so sehe....na danke. Was die Elberfelder Str. attarktiver machen würde wäre auch Straßengastronomie, nicht nur Optiker, Apotheken und Billigbäcker. Hier müssten evtl. auch die Immobilienbesitzer mal an ihren Mieten etwas ändern. Die eingesessen Geschäfte sind verdrängt worden von den Ketten, die lediglich Produkte für eine kleine Minderheit anbieten, aber das Geld haben um überzogene Mieten zahlen zu können und nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder abziehen. So machen sich die Immobilienbesitzer ihre eigenen Standorte auch kaputt. Ich hoffe diese Blase platzt auch einmal.
23:13
Frage: Warum ist Theater denn so wichtig?
Florian Ludwig: Die Frage ist doch, wollen wir Kultur und Bildung oder wollen wir sie nicht? Das ist eine Richtungsentscheidung.
Vielen Dank für diese Aussage, denn genau das ist der Punkt! Am Bochumer Schauspielhaus hatte man immer die Gewissheit, dass die Bochumer hinter ihrem Schauspielhaus stehen.
In Hagen fehlt mir dieser Rückhalt (der gesamten Hagener) ein wenig. Ich jedenfalls bin für Kultur und Bildung. Ein Gut, welches zu pflegen ist.