Städte suchen "händerringend" nach Bewerbern
01.04.2010 | 13:00 Uhr 2010-04-01T13:00:00+0200In vielen Kommunen in Südwestfalen gibt es zu wenig Pflegefamilien. Betroffen sind neben Hagen auch Städte und Gemeinden zum Beispiel im Hochsauerlandkreis. Einzig der Kreis Siegen-Wittgenstein klagt nicht über einen Mangel. Das Kreisjugendamt in Soest hingegen sucht „händeringend” nach Bewerbern.
„Bis Ende der 90er-Jahre haben wir immer Selbstmelder gehabt”, sagt Christiane Oberreuter-Kurte. Die Sozialarbeiterin arbeitet seit 14 Jahren im Pflegekinderdienst beim Sozialdienst katholischer Frauen ( SkF), der im Auftrag des Kreises Soest Pflegefamilien vermittelt und betreut. „Vor allem aus den ländlichen Bereichen haben uns immer viele Familien kontaktiert.” Um das Jahr 2000 habe sich die Situation deutlich verändert. Seitdem gehe die Schere auseinander. „Die Belastung der Kinder ist gestiegen, die Belastbarkeit potenzieller Eltern gesunken.”
In Hagen wächst die Zahl der Kinder, die bei Pflegeeltern oder in einem Heim untergebracht werden müssen, stetig. Betreute das Jugendamt der Stadt im Jahr 2005 noch 120 Pflegekinder, so sind es heute 170. „Die Familien sind zunehmend überlastet”, so Manfred Steinhoff, Leiter des Fachdienstes für Pflegekinder bei der Stadt. Schwere innerfamiliäre Krisen, bedingt durch Alkohol oder Drogen, nähmen zu. „Der Handlungsbedarf erhöht sich kontinuierlich.” Auch, weil die Mitarbeiter der Jugendämter durch die öffentliche Berichterstattung besonders sensibilisiert sind.
Es ist kein Phänomen des neuen Jahrtausends, dass Eltern ihre Kinder vernachlässigen und misshandeln. Doch in den vergangenen Jahre haben sich die Fälle gehäuft, bei denen die Ohnmacht oder Lustlosigkeit überforderter Eltern zum Schlimmsten geführt haben. „Die erhöhte Wachsamkeit”, so Manfred Steinhoff, „bedingt auch eine erhöhte Anzahl von notwendigen stationären Hilfeformen.” Vor allem im Bereich der Kurzzeit- und Bereitschaftspflege sucht die Stadt nach Familien. „Doch das trifft nicht immer die Motivation jener, die sich vorstellen können, ein Kind aufzunehmen.”
Zudem machten es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen immer schwerer, Pflegefamilie zu werden, ist sich Manfred Steinhoff sicher. „Viele brauchen zwei Einkommen, um über die Runden zu kommen.” Andere entschieden sich bewusst dagegen, ausschließlich für Familie und Erziehung zuständig zu sein.
„Es reicht einfach nicht aus zu sagen, wir wollen auf diesem Weg eine Familie werden”, sagt Christiane Oberreuter-Kurte. „Die Menschen müssen sehr belastbar sein, denn die betroffenen Kinder sind ganz oft schwer traumatisiert, was das Zusammenleben schwierig macht.” Der Wille, das auszuhalten, sei spürbar nicht mehr so stark. Die Werte, der Familienbegriff hätten sich geändert. Immer seltener lebten mehrere Generationen zusammen, die eine solche Situation gemeinsam tragen könnten. „Der Mangel an Pflegefamilien ergibt sich aus den grundlegenden Veränderungen unserer Gesellschaft.”
Was sich die Sozialarbeiterin wünscht, um das Konzept der Pflegefamilie zukunftsfähig zu machen, ist mehr Transparenz. „Die Menschen, auch die politischen Entscheidungsträger, brauchen Geschichten aus der Realität.” Nur wer genau weiß, was diese Aufgabe bedeutet, könne sich auch wirklich dafür entscheiden.

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