Sehnsucht nach edlen Helden
06.06.2008 | 18:18 Uhr 2008-06-06T18:18:00+0200Elspe. Winnetou ist gefragt wie nie zuvor. Die WP führte ein kurzes Interview mit dem Apachen.
Elspe. 50 Jahre!? Kinder, wie die Zeit vergeht! Seit einem halben Jahrhundert reitet „Winnetou - Made im Sauerland” durch Deutschlands Wilden Westen. Insgesamt elf Schauspieler mimten seither den edlen Apachenhäuptling aus der Feder Karl Mays auf der Freilichtbühne in Elspe. Zweifellos der bekannteste ist ein Baron aus der Bretagne. Der erste, der Old Shatterhands Blutsbruder ein Gesicht gab, war im Sommer 1958 Elspe-Festival-Geschäftsführer Jochen Bludau.
WP: Wann tauchte der Held erstmals in ihrem Leben auf?
Jochen Bludau: Mit Winnetou kam ich 1951 zum ersten Mal in Kontakt, da schenkte mir meine Mutter zur Kommunion den „Schatz im Silbersee” und eine Hortensie. Ich hasse Hortensien.
WP: Was verkörpert Winnetou für Sie ganz persönlich?
Bludau: Winnetou wird in Zeiten der Heuschrecken und Abhöraffären für seine scheinbar altmodischen Tugenden geliebt. Er steht für Ehrlichkeit, Redlichkeit und Verlässlichkeit. In einer globalisierten Welt, in der nichts so scheint, wie es ist, sehnt man sich nach solchen Menschen. Und zwar nach welchen, die nicht alles tun, was ihnen Gesetzeslücken erlauben.
WP: Hätte Freud an Winnetou seine Freude gehabt?
Bludau: Über Karl Mays Helden sollte man sich nicht allzuviele Gedanken machen. Dass sich Psychologen und Soziologen mit der Figur Winnetou beschäftigen, ist einfach lächerlich. Mein Gott, muss man denn alles solange sezieren, bis einem der letzte Spaß vergeht? Frage: Wer ist der beste Winnetou-Darsteller aller Zeiten?Bludau: Natürlich Pierre Brice. Er war bereits 1976, als er zu uns kam, ein Weltstar. Winnetou ist Pierre Brice, Pierre Brice ist Winnetou. Der Baron aus der Bretagne hat sein Gesicht geprägt.
WP: Fühlt sich ein Indianer im Sauerland wohl?
Bludau: Winnetou passt hervorragend zu uns. Die Leute hier sind ein wenig wie der edle Indianer gestrickt. Zurückhaltend, introvertiert, loyal. Hat man ihr Herz erweicht, bleiben sie gute Freunde fürs Leben.
WP: Haben echte Indianer das Elspe Festival besucht?
Bludau: 1974 kamen tatsächlich welche. Es waren Crees aus Kanada, die uns ein Totem geschnitzt hatten und es unbedingt mit einem Sonnentanz vor Ort einweihen wollten. Die fanden unsere Aufführung lustig, vor allem die viel zu braun geratenen Gesichter der Indianer-Darsteller.
WP: Welche Faszination geht von Winnetou aus?
Bludau: Menschen fühlen sich heutzutage nur noch als Rädchen in einem großen unüberschaubaren Getriebe. In solche Zeiten sind Rosamunde-Pilcher-Filme fern der Realität ebenso willkommen wie Karl-May-Stücke. Immer mehr Menschen träumen vom großen Bruder, der ihnen einen Hauch von Freiheit und Geborgenheit verspricht. Eben Figuren wie James Bond, Indianer Jones oder Winnetou. Der Apache hat allerdings den Vorteil, Menschen in eine Dimension zu versetzen, in der man noch etwas selbst regeln konnte, in der Gut und Böse noch klar zu unterscheiden waren.
WP: Ist Benjamin Armbruster ihr letzter Winnetou?
Bludau: Ich bin jetzt seit 57 Jahren dabei, aber mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss. Solange es noch Menschen gibt, mit denen man ohne Vertrag per Handschlag Geschäfte machen kann, solange mache ich weiter, solange hat das Elspe Festival auch eine Zukunft. Für solch einen Menschen halte ich Benjamin Armbruster, der am 21. Juni bei der Premiere unseres Stückes „Unter Geiern” wieder Hoffnung auf eine gerechtere Welt macht.

07:33
Winnetou wäre heute wahrscheinlich Umweltschützer
http://www.phoenix.de/unser_planet/2008/06/06/0/184619.1.htm