Schönes Chaos: Leser-Uni zum Jahr der Mathematik
28.03.2008 | 15:49 Uhr 2008-03-28T15:49:00+0100
Am Donnerstag, 3. April, ist wieder Westfalenpost-Leseruniversität: Um 19 Uhr in der Fachhochschule Südwestfalen in Soest.
Soest.2008 ist das Jahr der Mathematik. Entsprechend darf das Thema natürlich auch bei unserer Leser-Universität nicht fehlen. Prof. Dr. Wieland Richter, Prorektor für Forschung und Entwicklung, ist Mathematiker aus Leidenschaft. Am Donnerstag, 3. April, spricht er um 19 Uhr in der Fachhochschule Südwestfalen in Soest über „Zahlen, Chaos und andere Unwägbarkeiten”. Im Interview mit unserer Zeitung erzählt er von der mächtigen Verführungskraft der Zahlen.
Westfalenpost: Was soll das Jahr der Mathematik bewirken?Prof. Dr. Wieland Richter: Gute mathematische Kenntnisse sind in der heutigen Zeit für viele Berufe unverzichtbar. Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wächst stetig an. Daher ist es wichtig, jungen Menschen die Mathematik nahe zu bringen. Das Jahr der Mathematik soll darüber hinaus der Öffentlichkeit aufzeigen, wo heute überall Mathematik gebraucht wird. Man sollte sich einmal vor Augen führen, dass viele Dinge ohne Mathematik gar nicht möglich wären, alltägliche Dinge wie Mobiltelefon, Kreditkarte und Computertomographie. Ohne mathematische Optimierungsverfahren wären heutige Autos und Flugzeuge nicht so gut, sicher und preiswert.
Frage: Warum haben so viele Menschen Angst vor Mathematik und Zahlen?Prof. Dr. Wieland Richter: Vielleicht ist die Angst vor der Mathematik psychologisch begründet. Wenn das gesamte Umfeld sagt, dass Mathematik schwer ist, wird man es irgendwann einmal glauben und sich entsprechend verhalten. So wie jeder Mensch beispielsweise bis zu einem bestimmten Grad musisch begabt ist, so kann jeder auch ein bisschen Mathematik. Man muss es nur wollen. Um weiter in die hoch interessante Materie eindringen zu können, braucht man dann natürlich neben Kreativität und Begabung auch Durchhaltevermögen, um die „dicken Bretter bohren" zu können. Zu den Zahlen möchte ich noch sagen, dass die meisten die Zahlen nur in Verbindung mit Rechnen sehen. Aber Rechnen ist etwas, was Mathematikern häufig sehr schwer fällt. Trotzdem sollte jeder die Grundrechenarten weitestgehend beherrschen - Mathematikern verzeiht man Rechenschwächen allerdings eher als anderen.
Frage: Warum finden Sie Zahlen so spannend?Prof. Dr. Wieland Richter: Zahlen als solche finde ich eigentlich gar nicht so spannend. Es gibt natürlich ein paar Zahlen, die Mathematiker faszinieren. Das ist aber nicht die Zahl als solche, sondern eher die Zusammenhänge und die Eigenschaften, die diese Zahlen haben. So nehmen die Primzahlen sicherlich eine Sonderrolle ein. Heute braucht man sie beispielsweise, um Daten sicher zu verschlüsseln. Frühere Zeiten (und manche vielleicht auch noch heute) messen bestimmten Zahlen eine Bedeutung bei. So gilt beispielsweise die Zahl 7 als Glückszahl, 3 und 12 haben in der Religion eine große Bedeutung, für die alten Perser war die Zahl 6 sehr wichtig - sie bzw. Vielfache davon finden wir in der heutigen Zeit noch bei der Winkelangabe (360 Grad) und bei der Zeitmessung (60 Minuten). Die Eulersche Zahl e beschreibt Wachstumsprozesse, egal ob es um die Vermehrung von Kapital (durch Verzinsung) oder um das Wachstum von Pflanzen und Tieren geht.
Frage: Warum müssen Ingenieur-Studenten auch mathematisch fit sein? Prof. Dr. Wieland Richter: Wer die Naturgesetze anwenden will - und ein Ingenieur tut das in einem nicht unerheblichen Umfang - muss natürlich die Naturwissenschaften beherrschen. Hierzu braucht man aber Mathematik, denn die Sprache der Physik ist nun 'mal die Mathematik. Elementare physikalische Gesetzmäßigkeiten kann man teilweise noch ganz ohne Mathematik behandeln. Das wissen wir unter anderem auch deswegen, weil wir seit mehr als einem Jahr sehr erfolgreich mit Erzieherinnen physikalische Experimente aufbereiten, die für Vorschulkinder gedacht sind. Hier geht es in erster Linie natürlich darum, bei den Kindern das Interesse an der Physik wachzuhalten.
Frage: Welche Themen werden Sie bei unserer Leseruni ansprechen? Prof. Dr. Wieland Richter: Ich werde zunächst über Zahlen sprechen. Insbesondere über große Zahlen, wie sie beispielsweise bei der Staatsverschuldung vorkommen, und versuchen, diese Größen (be)greifbar zu machen. In einem zweiten Teil werde ich einfache chaotische Zustände behandeln und dem Zuhörer die Schönheit, die sich dahinter verbirgt, aufzeigen. Im dritten (und letzten) Teil werde ich einige knifflige Rätsel und Beispiele bringen. Die Lösungen dieser Aufgaben sind allerdings auf den ersten Blick so unwahrscheinlich, dass man es erst einmal nicht glauben wird. Aber es geht ja hier nicht um Glauben, sondern um eine exakte, ernste und doch heitere und spielerische Wissenschaft, nämlich um Mathematik.
Mit Prof. Dr. Wieland Richter sprach Monika Willer.

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