Rauschhafte Rückkehr in Titelkampf
20.06.2008 | 19:24 Uhr 2008-06-20T19:24:00+0200Sie steckten schon in der Schublade. Einsortiert als Nummer 8. Es schien eine ordnungsgemäße Unterbringung in der Hierarchie des europäischen Fußballs. Doch seit der epischen Nacht...
Ascona.Sie steckten schon in der Schublade. Einsortiert als Nummer 8. Es schien eine ordnungsgemäße Unterbringung in der Hierarchie des europäischen Fußballs. Doch seit der epischen Nacht von Basel ist alles anders.
Als die deutschen Fußballer in ihre Bergfestung in Ascona zurückkehrten, kamen sie nicht, um ihre Koffer zu packen. Aufladen, abreisen: Das sah der Plan für den Fall vor, von dem alle Welt ausging. Das Scheitern im Viertelfinale der EM gegen das bis dahin exzellente Portugal galtfür viele als beschlossene Sache. Unter die letzten Acht, aber nicht weiter - das schien dem Leistungsvermögen der Deutschen angemessen. Doch keine Suite musste geräumt und keine Luxusmatratze abtransportiert werden. Alles wird noch gebraucht. Im „Giardino” pulsierte am Freitag das Leben. Die Nationalspieler genossen den Sommer, der sich mit 30 Grad endlich im Tessin eingerichtet hat, und bekamen Besuch auf Stöckelschuhen: Frauen und Freundinnen spazierten am Mittag durch die Eingangstore des Hauptquartiers. Sie blieben bis zum Abend. Eine unterschwellige Negativstimmung hatte die aufwändige Expedition in die Schweiz begleitet. Nach der Niederlage gegen Kroatien wurde sogar der Teufel an die Wand gemalt. Der Rumpelsieg gegen Österreich verbesserte die Lage nur vordergründig. Mit dem spektakulären 3:2-Triumph in Basel jedoch sind alle finsteren Zweifel weggefegt worden. „Wir haben gezeigt, dass mit uns zu rechnen ist”, stellte Bundestrainer Joachim Löw fest. Deutschland ist auf berauschende Weise in die Europameisterschaft zurückgekehrt und drängt am Mittwoch ins Finale. „Wir sind ein großes Team und wollen den kompletten Erfolg”, kündigte Abwehrstratege Per Mertesacker an. Der Durchbruch vollzog sich mit Verzögerung, aber im richtigen Moment. Die Dramaturgie war perfekt. Es gab nur ein Spiel an diesem EM-Tag, es existierte nur eine einzige Bühne. Eine große, schillernde Bühne, die ganze Welt schaute darauf. Sie erlebte staunend das beste Turnier-Spiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft seit 2006. Wille und Leidenschaft gehören zum Repertoire der Deutschen, nicht aber unbedingt hohe Spielkultur. Gegen das prominent besetzte Portugal mit seinem Super-Star Cristiano Ronaldo agierte das Team von Löw auf einem hohen Niveau. Die am häufigsten gestellte Frage nach dem Brillant-Feuerwerk am Rhein war: Wie ist eine solche Leistungsexplosion möglich? Viele Details fügen sich zusammen. Dazu zählt die individuelle Verbesserung von Spielern wie Bastian Schweinsteiger, der einen Weltklasse-Auftritt hinlegte, oder Jens Lehmann, der jede Diskussion um seine Person beendete. Vor allem aber ist der Erfolg in einer Systemumstellung begründet, die mitten im Wettbewerb radikal wirkt. Mit einer taktischen und personellen Umstrukturierung reagierte der Trainer-Stab auf die Herausforderung des Titelkampfs. Löw und seine Berater wichen vom seit Jahren praktizierten Angriff mit zwei Stürmern ab und stabilisierten das Mittelfeld. Sie verließen damit eine Linie, die besonders von Löw immer wieder verteidigt worden war. „Man muss Korrekturen manchmal exakt dann anbringen, wenn sie nötig sind”, erklärte der sportliche Chef. Aus exklusiver Perspektive beobachtete er, wie die Schachzüge aufgingen. Hoch oben in eine Box auf der Tribüne hatten ihn die Aufpasser des Europäischen Fußball-Verbandes gesteckt. Wegen einer Sperre durfte der Bundestrainer seine Spieler nicht von der Trainerbank aus anleiten. Eine gewaltige Nervosität habe in ihm getobt, räumte Löw am Tag danach ein: „Ich war sehr, sehr angespannt da oben. Ich hatte die Sorge, dass
„Ich war sehr, sehr angespannt da oben. Ich hatte die Sorge, dass etwas schief gehen könnte.”Joachim Löw sich das Blatt noch wenden könnte.” In seiner Aufregung griff Löw zu einer Zigarette. Er hätte gesündere Mittel einsetzen können. Als er vor dem Anpfiff in den kleinen Raum geleitet wurde, war er überrascht: „Da standen ein paar Dinge”, erzählte er, „Getränke, Aspirin und Baldrian-Tropfen, das hat mich verwundert.” Ohne den Einsatz von Beruhigungsmitteln hat sich die Lage entspannt. Nicht nur die Asphaltpresse hatte Löw vor dem Österreich-Spiel in Frage gestellt. Nun wird er als Held in schwarz-rot-goldenen Farben gefeiert. Ob Löw die wegweisenden Änderungen initiierte, blieb unbeantwortet. Sein Assistent Hans-Dieter Flick, der ihn mit erstaunlicher Souveränität vertrat, gab keine Auskunft darüber, klang aber verdächtig wie jemand, der sich nicht in den Vordergrund spielen will, indem er sagt: „Ich war es.” Der zweite Mann konnte zufrieden sein. Am Ende gewann er noch eine Wette. Flick ist für das Einstudieren von Freistößen und Eckbällen zuständig. Er hatte prophezeit, dass aus diesen Standards ein Tor fallen werde. Jetzt muss ihm Löw zwei Flaschen Rotwein ausgeben: „Die zahle ich gerne für den Hansi.”

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