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Pilgern und pilgern lassen

02.03.2010 | 18:40 Uhr
Pilgern und pilgern lassen

Hagen. Antonius Ziegler fragt nicht nach dem Warum. Er wandert einfach los: Über spanische Hochebenen, den Camino de Santiago, für sich und seine Kunden pilgert der 47-Jährige kilometerlange Wege. Und bietet Besinnung gegen Bares. Als Mietpilger ist er oft unterwegs, denn die Branche boomt.

Es war der 22. Mai 2006, als das Pilgern einen Imagewandel erlebte. Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg” erschien auf dem Markt und verhalf der Wallfahrt zu neuem Aufschwung. Seitdem steigen die Zahlen, das Wallfahren ist nicht mehr nur etwas für Katholiken - Kerkeling machte das Pilgern gesellschaftsfähig.

Diesen Trend greift nun das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Westfalen-Lippe auf: Am Samstag, 6. März, veranstaltet das Bildungswerk den ersten westfälischen Pilgertag im Dortmunder Reinoldinum. Vom Gebet bis zum Blasenpflaster reicht das Themenspektrum der Veranstaltung. In Workshops ergründen Teilnehmer spirituelle, historische und praktische Aspekte des Pilgerns. Zudem sollen Meditations- und Pilgerwege im Ruhrgebiet, im Raum Iserlohn und Fröndenberg vorgestellt werden. Der Pilgertag dient auch zum Austausch - jeder hat abenteuerliche Geschichten von oft beschwerlichen Wegen zu erzählen.

Lässt sich Selbstfindung kaufen?

Antonius Ziegler nimmt die Strapazen gerne auf sich, auch für andere. „Auf einer meiner Touren bin ich auf die Idee gekommen, das Pilgern anzubieten”, erklärt der 47-Jährige aus dem Schwarzwald. Seit einem Jahr können ihn Menschen mieten. „Viele haben nicht die Möglichkeit, selbst auf Reise zu gehen, sei es aus körperlichen, beruflichen oder privaten Gründen.” Nach dem Warum fragt Ziegler nicht - das spiele keine Rolle. Doch: Lässt sich Selbstfindung kaufen? „In gewisser Weise schon”, meint Ziegler. Unterwegs dokumentiert er seine Erfahrungen für den Daheimgebliebenen: „Ich schieße Fotos, schreibe Tagebuch und gebe Feedbacks von unterwegs.” Das gebe ihnen das Gefühl, mit dabei zu sein, das Wandern, Entbehren und das Auf-sich-selbst-konzentrieren mitzuerleben. In Gesprächen erzählt Ziegler seinen Kunden von Erlebnissen auf dem Weg. Oft geben sie ihm Umschläge mit, die er an bestimmten Orten ablegen soll. „Das ist wie unsichtbares Gepäck, das ich mit mir trage. Darin sind Hoffnungen, Sorgen oder Probleme, die die Menschen beschäftigen.” Ohnehin sehe sich Ziegler als Bote: „Ich fungiere als Filter, durch mich fühlen und erleben sie die Reise, die sie selbst nicht begehen können.” Dazu gehöre vor allem Vertrauen. Die Ware Wallfahrt biete Ziegler aber nicht aus finanziellen Gründen an. „Ich gehe sowieso einmal im Jahr auf Reisen. Reich wird man davon nicht.”

Vor dem Scheideweg

Erhard Brosch aus Dortmund kann sich schwer vorstellen, eine Erfahrung wie das Pilgern durch einen anderen Menschen zu erleben. Der 60-Jährige pilgert selbst seit vielen Jahren, den Jakobsweg hat er in zwei Etappen begangen, religiöse Wallfahrts-Orte wie Jerusalem oder Rom hat er ebenfalls besucht. Wie die meisten Menschen, die beschließen auf- und auszubrechen, stand Brosch vor einem Scheideweg in seinem Leben. „Meine Frau wollte die Scheidung, das Familienleben, wie ich es kannte, gab es nicht mehr.” Das Weltbild geriet ins Wanken. „Ich hatte meine Heimat verloren und habe die Pilgerfahrt genutzt, um mich mit meinem Leben auseinanderzusetzen.” Erst wenn man alleine ist, die Bedürfnisse aufs Minimalste reduziert sind, können sich die Gedanken auf das Wesentliche konzentrieren.

Den Trend zum Individual-Pilgern bestätigt auch Michael Kramps vom Reisebüro Viator. Der Dortmunder Familienbetrieb hat sich seit über 50 Jahren auf Pilgerreisen spezialisiert. „Während die konfessionellen Wallfahrten wegen schrumpfender Gemeinden rückläufig sind, ist eine Belebung bei den individuellen Reisen zu verzeichnen.” Die Besinnung auf sich, das Neujustieren sind Erfahrungen, die immer mehr Menschen erleben möchten, gerade in Krisenzeiten. Hoher Andrang herrscht daher auch beim ersten Pilgertag in Dortmund - 120 Teilnehmer haben sich bereits angemeldet.

Kristina Mader

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