Pflegefamilien fühlen sich allein gelassen
14.09.2011 | 23:00 Uhr 2011-09-14T23:00:00+0200
Siegen.Wer wissen will, was gut ist für Pflegekinder, könnte sie einfach mal fragen. Forscher der Uni Siegen haben das getan und „Ehemalige“ interviewt. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern aus mehreren Ländern stellen sie ihre Erkenntnisse auf einer Fachtagung vor, zu der sich bis Freitag mehr als 200 Vertreter der Praxis treffen.
Warum in Siegen? Weil die Uni unter Leitung von Prof. Klaus Wolf ein aktives Forschungszentrum zum Aufwachsen in Pflegefamilien betreibt, mit Wissenschaftlern in 15 Ländern zusammenarbeitet und 2006 die letzte bundesweite Fachtagung organisiert hat. Davor gab es 20 Jahre keine. Das zeigt: Es tut sich viel derzeit. „Die Politik hat akzeptiert, dass sie sich kümmern muss“, sagt Wolf. „Es gibt erheblichen Reformbedarf.“ Das hängt damit zusammen, dass wegen der Diskussion über Vernachlässigung heute mehr Kinder aus ihren biologischen Familien genommen werden.
60 000 Kinder leben in Deutschland in Pflegefamilien, 20 000, die von den Jugendämtern nicht erfasst werden, bei Verwandten. Deutlich mehr sind in Heimen untergebracht - eine deutsche Spezialität. „In anderen Ländern sucht man eher nach Menschen, die Verantwortung übernehmen“, sagt Wolf, „bei uns will man Kontrolle, unterschätzt aber die Schwierigkeiten, die dabei entstehen.“
Das Problem beim Umsteuern: Es fehlt an Pflegefamilien. Das hängt damit zusammen, dass aktive Pflegeeltern selten positive Werbung betreiben. Sie sind oft unzufrieden mit der Betreuung, haben Konflikte mit dem Jugendamt. Genauer hat das Dirk Schäfer von der Uni Siegen erforscht: „Den Pflegeeltern ist wichtig, dass Fachkräfte erreichbar sind, dass es einen Bereitschaftsdienst gibt. Auf der anderen Seite sehen sie die Betreuer nur, wenn Probleme auftreten. Regelmäßige Besuche würden mehr Vertrauen schaffen.“
Und was wollen die Kinder? Das hat Daniela Reimer untersucht: „Sie wünschen sich einen eigenen Ansprechpartner, den sie anrufen können, nicht nur Betreuer, die sich um die Pflegeeltern kümmern. Sie haben das Gefühl nicht gehört zu werden, fühlen sich schlecht informiert, verstehen oft nicht, was warum mit ihnen geschieht.“ Häufig litten sie langfristig darunter, wenn Pflegeverhältnisse, wie es oft geschieht, abgebrochen würden. Auch dies ließe sich durch bessere Betreuung vermeiden.
Es gibt inzwischen viele Erkenntnisse. Etwa darüber, wie wichtig ein guter Kontakt zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie ist. Aber sie werden nicht umgesetzt. Wolf berichtet von zwei benachbarten Kreisen. In einem wurden Geschwister immer gemeinsam vermittelt. Im anderen immer getrennt. „Das war für uns Auslöser, Standards zu entwickeln“, sagt Wolf. „Denn die Trennung ist eine zentrale Belastungsquelle. Es gibt sogar einen Rechtsanspruch auf Kontakt zur Familie. Der wird an vielen Stellen radikal verletzt.“ Denn die Standards sind nicht verpflichtend. Jedes Jugendamt tut, was es will.
„Der Deutsche Städtetag und der Deutsche Landkreistag wehren sich gegen verpflichtende Standards“, bedauert Josef Koch, Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen. „Wahrscheinlich fürchten sie die Kosten.“ Dabei koste eine Heimunterbringung das Vierfache, und ein abgestimmtes Netzwerk, das alle Einrichtungen zusammenführe, sei langfristig allemal kostengünstiger. Wolf dazu: „Wer es besonders billig will, kriegt es richtig teuer.“
Yvonne Gassmann berichtet dem Fachpublikum, in dem, wie Wolf bedauert, kein Vertreter aus dem Kreis Olpe sitzt, von anderen Lösungsversuchen in der Schweiz. Dort sind 50 Prozent der Pflegekinder bei Verwandten untergebracht und 20 Prozent im nahen Umfeld. Ähnlich soll es in den Niederlanden laufen. „Die Politik sagt jetzt: Jedes Kind hat das Recht auf eine Familie“, berichtet Riet Portengen. Nur fehlt es auch dort an Pflegeeltern. 60 Prozent der Paare können sich das laut Umfragen nicht vorstellen. „Aber wenn in der Nähe Not ist, wenn sie Kinder oder Eltern kennen, würden sie helfen“, sagt Portengen. Dort müsse man deshalb gezielt suchen.

0mitdiskutieren