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NRW ist immer noch ein bisschen zurückgeblieben

30.08.2011 | 18:10 Uhr
NRW ist immer noch ein bisschen zurückgeblieben
Weniger behinderte Kinder als im Bundesdurchschnitt können in Südwestfalen eine Regelschule besuchen. Foto : Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Hagen.Das Ziel ist hoch gesteckt: 85 Prozent der behinderten Kinder sollen im Jahr 2020 in Nordrhein-Westfalen eine ganz normal Schule besuchen. Derzeit sind es im Land gerade einmal 16,7 Prozent. In Südwestfalen mancherorts noch weitaus weniger.

Bundesweit lernen 20,1 Prozent der Kinder mit einer Behinderung gemeinsam mit Nichtbehinderten. Ein Wert, den man im Ennepe-Ruhr-Kreis übertrifft: Dort beträgt der Anteil der Kinder mit Förderbedarf an einer Regelschule 24,3 Prozent. In Hagen dagegen sind es nur 14,4 Prozent, im Märkischen Kreis 17,8 Prozent, in Soest 10,5 Prozent, im Hochsauerlandkreis 8,9 Prozent. Im Kreis Olpe beträgt der Anteil 9,1 Prozent - im benachbarten Siegen-Wittgenstein dagegen 19,1 Prozent.

Zahlen, die nun die Aktion Mensch in Bonn veröffentlicht hat. Zahlen, die Stephan Lück vom Verein Invema in Kreuztal kaum glauben mag. Seit 15 Jahren setzt sich Stephan Lück bereits für einen gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern ein. Dass ausgerechnet Siegen-Wittgenstein in der Statistik gut dasteht, hält er für einen Trugschluss: Viele Kinder nämlich pendelten zu den Förderschulen des Landschaftsverbandes im benachbarten Kreis Olpe. „Die fallen hier im Kreis aus der Statistik heraus“, erklärt er.

„Den Eltern behinderter Kinder werden nach wie vor Steine in den Weg gelegt“, beklagt Stephan Lück vielmehr. Obwohl es einen Erlass der NRW-Landesregierung gibt, dem Wunsch der Eltern auf gemeinsamen Unterricht möglichst stattzugeben. Ein Gummiparagraf, wie Stephan Lück findet. Tatsächlich würden die Anträge der Eltern, ihre behinderten Kinder in einer Regelschule zu unterrichten, noch immer zögerlich bearbeitet, bemängelt er. So dass die Absage oft erst kurz vor Schuljahresbeginn eintreffe - und kaum Zeit für einen Widerspruch bleibe. Wenn es doch eine Zusage gibt, dann sei die Zeit zu knapp, um noch bei den Kommunen den notwendigen Integrationshelfer zu beantragen, so Lück.

„Manche Kommunen in Nordrhein-Westfalen dagegen organisieren sogar Informations-Veranstaltungen zum integrativen Schulunterricht“, sagt Stephan Lück. Auch Thomas Heinemann vom Verein „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“ im Kreis Olpe wünscht sich „mehr Aufklärungsarbeit“. Denn oftmals seien die Eltern von behinderten Kindern schlecht informiert.

Daran zumindest wird offenbar gearbeitet: Bei der Bezirksregierung in Arnsberg verzeichnet man bereits eine spürbar steigende Zahl von Anträgen auf gemeinsamen Unterricht. Was man dort darauf zurückführt, dass die Schulen und die Schulaufsicht die Eltern nun auf die Möglichkeit des integrativen Unterrichts hinwiesen.

Zwar werden mittlerweile mehr Anträge bewilligt als vor fünfzehn Jahren noch, räumt auch der Kreuztaler Stephan Lück ein. Nun jedoch macht er sich Sorgen um die Qualität des gemeinsamen Unterrichts: Dieser müsse bereits im Studium auf den Seminarplänen der angehenden Lehrer stehen, fordert nicht nur er, sondern auch Dorothea Schäfer, Vorsitzende der NRW-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Auch ist ein Fortbildungstag pro Jahr und Schule eindeutig zu wenig, um die Lehrer auf den inklusiven Unterricht vorzubereiten“, kritisiert sie. Zudem seien Klassen mit 30 Schülern zu groß. „Bei fünf Kindern mit Förderbedarf liegt die optimale Klassengröße bei nicht mehr als 20 Kindern. Und darüber hinaus ist eine Doppelbesetzung mit Sonderpädagogen und Lehrern erforderlich.“

Nina Grunsky

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