Niemand hat die Ampel gedrückt
04.10.2007 | 20:52 Uhr 2007-10-04T20:52:00+0200Bonn. Sie verziehen keine Miene. Einer schaut etwas betreten, einer unterhält sich leise mit seinem Anwalt, einer starrt das Muster der Tischplatte an.
Die drei jungen Männer auf der Anklagebank des Bonner Landgerichts könnten Handwerker, Verkäufer, Studenten sein. Sind sie aber nicht. Sie haben einen Menschen bis zur Selbstaufgabe gedemütigt, gefoltert und getötet.
Warum sie das taten, ist schwer zu begreifen. Sie hatten Langeweile, ein Opfer und den Wunsch, einen Menschen leiden, einen Menschen sterben zu sehen. Elf Stunden lang haben sie ihn gequält und dann erhängt. Ohne Mitleid. Ohne den geringsten Versuch, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Niemand hat gesagt, jetzt reicht es, hört auf. Niemand hat die Ampel gedrückt.
Die Ampel - das ist eine Notrufanlage. Das Ganze findet nämlich nicht im Hinterzimmer einer Kaschemme, sondern in Zelle 104 im ersten Stock der Justizvollzugsanstalt Siegburg statt. Genutzt hat das dem Opfer nichts. Im Gegenteil: Einmal konnte er die Ampel drücken. Eine Aufsicht kam. Die anderen haben sie weggeschickt. Da lag das Opfer schon grün und blau im Bett, aber es bewegte sich. Der Aufsicht genügte das völlig.
Es ist Samstag, 11. November 2006. Um 11.30 Uhr gibt es Mittagessen. Und sonst nichts zu tun in der JVA. Der für die Zelle zuständige Wachtmeister verabschiedet sich ins Wochenende, jetzt ist nur noch die Zentrale besetzt. Die Häftlinge sind bis Montag völlig auf sich allein gestellt. Diese Situation wird Gegenstand eines Untersuchungsausschusses des Landtags. Die JVA ist total überbelegt. Und die vier wollen freiwillig die Zelle miteinander teilen.
Es beginnt mit Fingerkloppen beim Kartenspiel. Dann wickeln die drei Seifestücke in Handtücher und schlagen auf ihren Mithäftling Hermann ein. Sie mischen Salz und Chilli mit Wasser, das Opfer muss es trinken. Es bricht aber erst, als sie ihm eine Tube Zahnpasta in den Mund drücken. Dann holt Pascal, der Strahlemann, Teller und Löffel: Das Opfer muss sein Erbrochenes aufessen.
Später urinieren und spucken sie auf die Kloschüssel, zwingen ihr Opfer, die Schüssel abzulecken. Und nicht nur die Schüssel. Die Vergewaltigung und das, was dem vorangeht - zu ekelhaft, um es zu beschreiben.
Zu übersehen ist die Tortur des Opfers nicht mehr. Sie wollen Hermann töten, damit er die Folterung nicht verrät. Und es wie Selbstmord aussehen lassen. Sie glauben, man werde sie freilassen, wenn sie eine psychische Traumatisierung durch den Freitod eines Mithäftlings simulieren. Das nennen sie "Blitzentlassung". Sie stellen ihr Opfer ans offene Fenster und zwingen ihn, ausländischen Häftlinge Beleidigungen zuzubrüllen.
Jetzt haben sie das Motiv: Ihr Opfer hat sich aus Angst vor der Rache der Ausländer umgebracht. Sie müssen ihn nur noch aufhängen. Sie benutzen verschiedene Kabel. Sie reißen. Sie sind ungeschickt, und das Opfer muss sich auch noch selbst den Eimer unter den Füßen wegtreten. Dann ist er tot.
In ihren Augen gibt es nichts zu lesen. Ralf hebt kaum den Blick, die halblangen Haare hat er hinter die Ohren gesteckt. Pascal blinzelt ab und zu ins Publikum. Das Gericht hält alle drei für "wieder eingliederbar". Sie haben jeweils eine üble Kindheit hinter sich, verbrachten viel Zeit im Arrest und im Asyl, in Heimen, in Haft, in der Psychiatrie und in sozialpädagogischen Wohngruppen. Genutzt hat es nichts. Eine richtige Kindheit mit Eltern, Liebe und Geborgenheit kennen sie nicht. Dafür aber Drogen. Jedes Mal haben sie abgebrochen, sind abgehauen. Warum sie die Tat begingen, wird nicht klar. Der Jüngste bekommt die maximale Jugendstrafe von zehn Jahren, die beiden anderen 14 und 15 Jahre. Die Blitzentlassung hat nicht funktioniert. Aber ein Menschen ist gestorben - für nichts.

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