Mutter Natur hat den Tisch gedeckt
26.08.2011 | 17:30 Uhr 2011-08-26T17:30:00+0200
Meschede.Es ist angerichtet: Mutter Natur hat den Tisch gedeckt und lädt den Genießer in den Wald ein. Die Pilzsaison läuft, auch die Südwestfalen frönen dem Volkssport an der frischen Luft. Bücken ist gut für den Rücken – wir haben Pilze und Eindrücke gesammelt.
Tatsächlich, ein Ort, wo sich sonst Hase und Fuchs „Gute Nacht“ sagen. Während um 9 Uhr morgens der Tau noch über den Wiesen liegt, herrscht im Arnsberger Wald bei Meschede-Enste schon reges Treiben bei Flora, Fauna und Pilzen. Gerhard Wölfel hat sich seine Gummistiefeln angezogen und trottet mit einem Korb am Arm („bloß keine Plastiktüte!“) in Richtung Fichtenwald.
Der Mescheder ist Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, die nicht nur die leckeren Lebewesen kennt, die im sauren Boden des Arnsberger Waldes wachsen. Stimmt es, dass sie, ja wirklich, in diesem Jahr besonders früh wie die Pilze aus dem Boden sprießen? „Auf das Sauerland bezogen sicher nicht“, sagt der 65-Jährige, „die Pilzsaison im Arnsberger Wald ist ganz normal im August angelaufen und wird ganz normal Mitte September beendet sein.“ Auch „ganz normal“ sei, wenn in den Kalkgebieten im Raum Brilon/Marsberg die Pilzsuche frühestens Ende August/Anfang September beginnt.
Gerhard Wölfel nimmt sein Schweizer Messer aus der Hosentasche, holt damit einen Steinpilz aus der Erde, betrachtet den bräunlich gefärbten Hut und den weißen Stiel. Ein Prachtexemplar, aber eine Sorte, die in diesen Tagen nicht in übergroßen Mengen in den heimischen Wäldern zu finden ist. Wir sind Zeuge einer keinesfalls überragenden Pilzsaison (Wölfel: „Note 4 bis 5!“). Der feuchte Sommer konnte die Auswirkungen des extrem trockenen Frühjahrs nicht mehr auffangen. „Viele Pilze legen ihren Grundstock im Frühling.“
Wölfel ist vor Jahren aus seiner fränkischen Heimat ins Sauerland gezogen. Franken, ein Paradies für Pilzsucher. Und Südwestfalen? „Für Speisepilzsammler, die insbesondere Steinpilze und Pfifferlinge suchen, nicht schlecht“, sagt der Rentner. Für Menschen wie ihn freilich, die sich wissenschaftlich mit Pilzen auseinandersetzen, ist das hiesige Artenspektrum doch eher überschaubar. „Ich suche nach ganz anderen Gesichtspunkten als für den Kochtopf.“
6000 bis 6300 Großpilzarten gibt es in Deutschland, interessant für Speisepilzsammler sind 20 bis 30. „Zu 99 Prozent ist es die Motivation, ein außergewöhnliches Gericht auf den Tisch zu zaubern“, sagt Wölfel. Mit einem Lebensmittel, das man nicht überall, nicht immer oder nur für „teuer Geld“ kaufen kann.
Dafür geht man in der Dämmerung um 5 Uhr in den Wald. „Halt“, unterbricht der 65-Jährige, ein Irrglaube, das nur der frühe Vogel den Wurm fängt. „Was um 5 Uhr wächst, wächst um 9 auch noch.“
Auch Sorten, die nicht jedem Sammler sofort geläufig sind. Grundsätzlich, sagt der Mescheder, sollte man nur Pilze mitnehmen, die man hundertprozentig kennt. „Das kann sonst schlimm enden.“ Wölfel geht ein paar Schritte auf dem Weg im Fichtenwald weiter, zeigt auf den Bocksdickfuß („ist giftig“) und bleibt anschließend vor zwei etwas größeren und einem kleinen Exemplar des Weißen Knollenblätterpilzes stehen: „Die drei würden reichen, um eine Familie auszulöschen.“
Auch wenn es sich um böse Buben des Waldes handelt, kein Grund, Giftpilze platt zu treten. „Das hat objektiv keine Auswirkungen, weil an der Stelle solche Pilze trotzdem wieder wachsen können.“ Und es sei Naturzerstörung. Pilze seien wichtig im heimischen Ökosystem. „Ohne sie gäbe es keinen Wald. Viele Bäume könnten ohne diesen Partner nicht leben.“
Für Gerhard Wölfel sind Pilze ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. „Rein wissenschaftlich“, sagt der Mescheder. „Ich esse kaum Pilze. Die schmecken wir mir nicht so.“

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