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Leinen los und volle Fahrt voraus

30.07.2008 | 18:37 Uhr
Leinen los und volle Fahrt voraus

Der Diemelsee - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2008. Dies ist das Abenteuer des (T)raumschiffs Muffert, das mit Captain Rolf unterwegs ist, um neue Welten (oder besser: Wellen) zu erforschen. Halt, halt. Ich bin im falschen Film.

Die Realität eines Seitenwechsels am Diemelsee sieht um 10.30 Uhr so aus: Noch still ruht der Stausee, der durch NRW und Hessen verläuft. Stefan Koch ist im vierten Jahr Kapitän des Fahrgastschiffes „Muffert” und freut sich auf seinen heutigen Aushilfs-Käpt'n oder (Leicht) Matrosen oder was auch immer. Wir werden das Schiff schon schaukeln.

Um 11 Uhr startet die erste von sieben 50-minütigen Rundfahrten des Tages, noch Zeit, um die Kommandobrücke in Augenschein zu nehmen - und die Hinweisschilder „Anweisung für den Leckfall” und „Rettung Ertrinkender”. „Ist so vorgeschrieben”, lächelt der 23-Jährige.

„Anker lichten, Leinen los und mit Volldampf den Diemelsee genießen”, heißt es in der Info-Broschüre der „Seerundfahrten Koch” - wenn das für einen Steuermann-Novizen so einfach wäre. Stefan Koch zeigt mir den Hebel rechts neben dem Steuerrad: „Das ist sozusagen Gaspedal und Vorwärts- und Rückwärtsgang in einem”, sagt er und erzählt von dem „Bugstrahlruder vorne zum An- und Ablegen”. Ah ja.

Drei Jahre musste der gelernte Gas-/Wasserinstallateur aus Marsberg-Helminghausen zunächst bei seinem Vorgänger Josef Köster mitfahren, um dann die Binnenschifferausbildung mit einer Prüfung abzuschließen. Einschränkung bei seinem C2-Patent: nur auf der „Muffert” und nur auf dem Diemelsee. „Um woanders zu fahren, hätte ich sowieso keine Zeit.”

Ein Kapitän auf einem Ausflugsschiff kennt in der Saison von Ostern bis Ende Oktober keine freien Tage. „Aber wo kann man schon in einer solchen Atmosphäre arbeiten”, sagt Koch und blickt auf die bezaubernde Landschaft rund um den Diemelsee. „Es gibt nichts Schöneres.”

Kurz vor 11 Uhr steigen die ersten Fahrgäste (von Jung bis Alt) über die Brücke aufs Schiff. „Was bekommen Sie?”, fragt mich ein Familienvater. Ich bin sprachlos. „Sind Sie nicht der Kapitän?” - „Bezahlt wird beim Ausstieg” (zivile Preise!), sagt Stefan Koch und ich erinnere mich daran, dass der Schiffsführer dem Kapitän auf Zeit (und Probe) standesgemäß einen Elbsegler aufgesetzt hat. Ein paar Mal hupen, dann lösen wir die beiden Seilwinden, die an Betonpflöcke am Strand befestigt sind und drücken die Muffert ein wenig ab. Schiff ahoi!

Mit 12 bis 13 km/h gleitet das 16 t schwere, 17,50 m lange und 4,60 m breite Ausflugsschiff für maximal 115 Personen über das Wasser. Seekrankheit ausgeschlossen. „Das führen nur manchmal Passagiere bei Gruppen-Abendfahrten an. Aber das hat wohl andere Gründe.” Während Stefan Koch per Mikrofon die Passagiere auf Ober- und Unterdeck über den Diemelsee informiert, erfahre ich Unterschiede in Theorie und Praxis. In der in deutscher Gründlichkeit verfassten Talsperrenverkehrsverordnung steht, dass die Berufsschifffahrt (also die Muffert) Vorfahrt vor Segel- oder Verleihbooten hat. „Weiß nicht jeder”, sagt Koch, „das gilt auch für Schwimmer.”

Apropos Schwimmen: kein Mann über Bord, keine besonderen Vorkommnisse für Kaptein Rolf. Eine Seefahrt, die ist lustig. Eine Seefahrt, die ist schön.

Rolf HANSMANN

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