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"Lasst sie doch denken!"

17.12.2008 | 19:34 Uhr

Münster. "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes." Mit dieser Streitschrift warnte der Arzt Paul Julius Möbius noch 1900 vor dem Studium für Frauen. ...

... Acht Jahre später ließ Preußen als letzter Staat in Deutschland und Europa die Damen in die Universitäten.

Vor 100 Jahre durften sich im Wintersemester 1908/09 sechs Damen an der Universität Münster einschreiben. Vorangegangen war dem Frauenstudium in Preußen ein jahrzehntelanger Streit, der sich unter anderem in Möbius´ Werk niederschlug. Der Neurologe fürchtete, dass übermäßige Gehirntätigkeit das Weib nicht nur verkehrt, sondern auch krank mache, dass die Mutterorgane verkümmerten und der Milchfluss versiege. Universitätsprofessoren warnten davor, dass das Niveau an den Universitäten sinken werde. Und männliche Akademiker hatten Angst vor der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.

Frauen hingegen argumentierten, dass an den Universitäten Lehrerinnen und Ärztinnen auszubilden seien, weil Erziehung und Pflege immer schon weibliche Aufgaben gewesen seien.

Gewonnen hatten sie im Jahr 1908 allerdings nur eine Etappe. Denn die Debatte um das Frauenstudium hielt noch lange an, wie die Ausstellung "Lasst sie doch denken! 100 Jahre Studium für Frauen" derzeit im Stadtmuseum Münster belegt. Die Münsteraner führten weiterhin in der Universitätszeitung eine heftige Diskussion. Nicht nur über die Frage, ob Frauen überhaupt studieren sollten, sondern auch darüber, wie sich die Männer den Frauen gegenüber zu verhalten hätten. Hat ein Student etwa seiner Kommilitonin den letzten Platz im Kolleg anzubieten? "Nehmen die Studentinnen durch ihre vielfach unförmig großen Hüte den Studenten nicht auch Platz genug weg? Nehmen sie da Rücksicht auf ihre Kommilitonen? Ganz gewiss nicht", erboste sich einer der Herren 1911 in einem Lesebrief zu dieser Frage.

Hedwig Montag, weiblicher Pionier in Münster, erinnerte sich später, dass sie an ihrem ersten Tag im Seminar "schnell wie ein Wiesel" untertauchte "in einer Bankecke in Reichweite der Tür". Nicht so sehr aus Angst vor den Kommilitonen, sondern weil sei fürchtete, vom Professor hinausgeworfen zu werden.

Immer wieder sollten Frauen auch in den folgenden Jahren aus der Universität gedrängt werden. Die Nationalsozialisten wollten sie zurück an den Herd schicken, förderten aufgrund des Akademikermangels ab 1936 dann doch Studentinnen. 1945 mussten Frauen zugunsten von Kriegsheimkehrern zurückstehen, weil es in der zerbombten Uni nicht genügend Plätze gab. Und durften sie doch zur Hochschule, hatten sie es schwer, eine Bude zu finden: Vermieter fürchteten, dass die Damen höhere Ansprüche an die Sauberkeit hätten, womöglich zusätzlichen Service wie Bügeln verlangten.

Vor 100 Jahren studierten sechs Frauen in Münster - und 1713 Männer. Bereits im Jahr 1914 waren mehr als 10 Prozent der Studenten Frauen - heute sind es 53 Prozent. 57 Prozent der Prüfungen werden von Frauen abgelegt, jedoch nur 37 Prozent der Promotionen und 18 Prozent der Habilitationen. Und gerade einmal 14 Prozent der Professoren sind weiblich.

Von Nina Grunsky

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