Kyrill beschert den Rehen ein Schlaraffenland
08.05.2009 | 22:27 Uhr 2009-05-08T22:27:00+0200
Brilon. Kyrill war gestern. Jetzt wird wieder aufgeforstet. Buche, Eiche und Co. kommen frisch gedüngt als Setzling in den Waldboden und lassen saftige Knospen sprießen. Für Rehe ist das so, als würde vor unserer Nase eine leckere Schnitzelparade aufgefahren.
Starker Wildverbiss ist ein Problem, das Forstbetriebe, Waldbesitzer und Jagdpächter vor neue Aufgaben stellt.
Der Mann mit dem tarnfarbenen Schlapphut streift durchs Dickicht. Hier pflückt er ein Wiesenkerbel, dort eine Himbeere oder ein Weidenröschen. Dr. Michael Petrak ist kein Fährtensucher. Dennoch liest der Leiter der NRW-Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung im Boden wie in einem Buch.
Brilon stark betroffen
Kyrill hat Brilon besonders hart getroffen. Mit 7750 Hektar ist die Kommune die größte waldbesitzende Stadt der Bundesrepublik. 500 000 Festmeter nahm der Orkan im Sturm, eine Fläche von 1000 Hektar wurde entwaldet. Die Stadt und ihr Forstamt nutzen die Katastrophe, um Landschaft neu zu gestalten. 660 000 Setzlinge - vornehmlich Mischwald - sollen allein 2009 gepflanzt werden. 500 000 Stück sind schon in der Erde - manche aber auch im Rehmagen. „Wildverbiss ist ein großes Problem. An manchen Stellen sind 50 Prozent der Neupflanzungen betroffen. Wir hatten gehofft, dass das Wild bei der Menge an Setzlingen und der Größe der Aufforstungsflächen keinen so großen Schaden anrichten würde. Jetzt müssen wir über Einzäunungen nachdenken”, sagt Brilons Forstbetriebsleiter Dr. Gerrit Bub.
„Wildschäden weisen zuallererst auf gestörte Umweltbeziehungen und auf Fehler in der Behandlung von Wildbeständen hin”, sagt Dr. Petrak. Ist das Nahrungsangebot, also die pflanzliche Vielfalt, z.B. durch zu dichten Wald und zu wenig Lichteinfall eingeschränkt, greift das Tier zwangsläufig zum „Schnitzel”. Um es auf andere Gedanken zu bringen, gehört Abwechslung auf den Speisenplan. Bewusst wird versucht, das Fressverhalten in Bahnen zu lenken. So wurden zum Beispiel auf einer Waldfläche Weidenstöcke in die Erde gesetzt. Dr. Petrak: „Die treiben schon sehr schön Knospen und sind für das Wild eine Delikatesse, schmackhafter als die leicht bittere Buche.”
Ablenkungsmanöver
Helfen sollen auch andere Ablenkungsmanöver. So hat die Stadt Brilon inzwischen 20 Kyrillflächen abgeräumt und mit spezieller Kräutermischung eingesät. An den Rändern wachsen - vor Verbiss geschützt - Eichen und Kastanien, die später leckere Früchte tragen. Durch angeschobene, mannshohe Wälle aus Wurzel, Holz und Erdreich sind die Äsungsflächen sichtgeschützt, so dass Reh und Hirsch dort ungestört und feudal speisen können.
„Wir müssen eine ökologische und betriebswirtschaftlich sinnvolle Aufforstung betreiben.” Dr. Bub
Ein Problem bleibt dennoch der hohe Wildbestand. Jagdpachten sind teuer. Dafür will der Pächter viel Wild sehen. Beim Abschluss der Pachtverträge dürfte aber niemand an solche Katastrophen wie Kyrill gedacht haben, die nun hier und da ein Umdenken in der Bewirtschaftung des Waldes erfordern. Sogar per Gesetz muss der Wildbestand so gehalten werden, dass eine ordnungsgemäße forstwirtschaftliche Nutzung nicht in Frage gestellt wird.
In fünf Jahren sind die neuen Bäumchen aus dem Gröbsten heraus. Doch bis dahin werden die Fördermittel für Neuanpflanzungen wohl nicht gestreckt werden. Dr. Bub: „Jetzt ist die kritische Phase. Wir müssen eine ökologisch und betriebswirtschaftlich sinnvolle Wiederaufforstung betreiben.” „Wald und Wild” nicht „Wald vor oder gegen Wild” müsse die Devise lauten.

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Im Jagdjahr 2002/03 wurden von Jägern in Deutschland z.B. 531.887 Wildschweine, 1.060.272 Rehe, 549.118 Wildenten, 642.892 Füchse und 57.593 Hirsche getötet.
In einem naturnahen Wald gibt es keine Schäden durch Tiere. Ihre Aktivitäten gehören zum Ökosystem und zur natürlichen Waldentwicklung. Durch die Aufnahme von Blättern, Knospen und Rinde gestalten Tiere wie Reh, Rothirsch, Damhirsch, Sikahirsch und Mufflon ihren Lebensraum. Ungefähr ein Achtel der Fläche des naturnahen Waldes besteht aus offenen Lichtungsbereichen als Ergebnis eines natürlichen Verbisses. Der Verbiss als aktive Lebensraumgestaltung ist also ein Charakteristikum des naturnahen Waldes.