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Interview

Kein Sündenbock

11.01.2010 | 18:20 Uhr
Kein Sündenbock

Essen. Der Essener Intendant und Generalmusikdirektor Stefan Soltesz im Interview über die kommunale Finanznot und neue Sparpläne für die Theater in NRW.

Die Kulturhauptstadt lässt sich feiern. Doch noch nie seit 1945 waren die Kultureinrichtungen in NRW angesichts der kommunalen Finanzkrise derart in ihrer Existenz bedroht wie jetzt. Forderungen nach Theaterschließungen und Fusionen werden laut. Der Essener Intendant und Generalmusikdirektor Stefan Soltesz wehrt sich dagegen, dass die Kultur zum Sündenbock für die dramatische Haushaltsschieflage der Städte gemacht wird.

Frage: Der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow schlägt Theaterschließungen vor und lobt die Stadt Wuppertal für ihre Pläne, das Schauspielhaus dicht zu machen. Der Duisburger Stadtentwicklungsdezernent Jürgen Dressler fordert mehr Bürgernähe statt Opern. Wird die Kultur zum Sündenbock für die Finanzkrise der Kommunen gemacht?

Stefan Soltesz: Wir haben volles Verständnis dafür, dass gespart werden muss. Wir in der Theater und Philharmonie Essen sparen auch, und zwar bereits seit Jahren. Aber immer, wenn es um das Thema Haushaltskonsolidierung geht, steht die Kultur an erster Stelle. Das klingt doch so, als hätten die Kulturausgaben erst zu den Defiziten geführt.

Frage: Oberhausen hat vor Jahren seine Oper aus Spargründen abgeschafft und ist trotzdem eine der am höchsten verschuldeten Kommunen in NRW. Könnten denn die kommunalen Haushalte überhaupt saniert werden, wenn man die Theater schließt?

Stefan Soltesz: Selbst, wenn wir jede Kultureinrichtung in den überschuldeten Städten schließen, bleibt der Haushalt defizitär. Selbst bei völliger Streichung der Kulturförderung wäre eine Haushaltskonsolidierung auch nicht ansatzweise erreicht. Die Staatsausgaben für Kultur in Deutschland betragen über alle öffentlichen Haushalte hinweg nur 0,8 Prozent der Etats. Ich wehre mich dagegen, dass die Kultur immer an erster Stelle genannt wird, wenn es um das Sparen geht. Das erweckt den fatalen Eindruck, dass die Städte wegen ihrer Kulturausgaben pleite sind. Ich appelliere daher dringend an die Politiker, das Thema Kultur weit hintanzustellen, wenn über Haushaltssanierungen diskutiert wird. Denn dort kann die Kultur lediglich einen bedeutungslosen Rang einnehmen.

Frage: Städte wie Hagen zahlen heute noch an den Folgekosten, die durch den gescheiterten Verbund zwischen den Orchestern in Hagen und Hilchenbach entstanden sind. Dennoch wird das Thema Bühnen-Fusionen derzeit wieder hervorgeholt, mit dem Argument, dass sich damit Sparpotenziale erschließen ließen. Was halten Sie von Fusionen?

Stefan Soltesz: Gerade das Ruhrgebiet hatte doch schon einmal eine glorreiche Fusion, zwischen Gelsenkirchen und Wuppertal. Und was hat das gebracht? Gar nichts. Die Fusion ist gescheitert.

Frage: Gastspiele, so meinen viele Politiker, könnten die teuren stehenden Ensembles billig ersetzen und trotzdem Kultur bewahren. Was meinen Sie?

Stefan Soltesz: Ich wage zu bezweifeln, dass Gastspiele auf Dauer billiger sind. Aber das ist gar nicht der entscheidende Punkt. Wichtig ist ja, dass sich die Bevölkerung mit den Ensembles identifiziert, die über ihre Arbeit in den Theatern hinaus wichtige Kulturträger sind.

Frage: Der Duisburger Stadtentwicklungsdezernent fordert mehr Bürgernähe statt Opern. Wie kommentieren sie das?

Stefan Soltesz: Gerade in der Oper ist die Bürgernähe doch sehr ausgeprägt. Das zeigt sich daran, dass wir in Essen vor rappelvollem Haus spielen. Die Bürgernähe zeigt sich auch darin, dass bei uns, im Gegensatz zu Amerika, jeder an Kultur teilhaben kann. Man kann eine Theaterkarte zum Preis einer Kinokarte kaufen, und das ist auch genau der Kulturauftrag der Bundesrepublik Deutschland: allen Menschen Zugang zur Kultur zu ermöglichen.

Frage: Sie haben einen offenen Brief an den Düsseldorfer Regierungspräsidenten und den Essener Oberbürgermeister verfasst, in dem Sie sich dagegen wehren, als Verschwender der raren öffentlichen Gelder gebrandmarkt zu werden.

Stefan Soltesz: Ich muss ja reagieren, wenn der Regierungspräsident Wuppertal lobt, weil sie das Schauspiel schließen wollen. Die ständige Thematisierung der Kultur im Zusammenhang mit der Finanznot der Städte empfinde ich als unrichtig. Selbstverständlich beteiligen wir uns konstruktiv an allen Gesprächen über machbare und verantwortbare Veränderungen. Aber wir erwarten auch Fairness in der Diskussion über die Sanierung kommunaler Haushalte.

Frage: Was droht der Region, wenn Theaterschließungen Wirklichkeit werden?

Stefan Soltesz: Städte ohne Theater, ohne Konzerte: Das wäre furchtbar, eine völlige Verarmung und Verödung. Wir wollen doch den Status einer Kulturnation erhalten. Gerade im Ruhrgebiet ist Kultur wichtig, weil es so viele Migranten gibt, denen wir unsere Werte durch Kultur vermitteln und die wir mit Hilfe von Kultur integrieren können.

Mit dem Essener Intendanten und Generalmusikdirektor Stefan Soltesz sprach

Monika Willer.

Monika Willer

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