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Im weißen Rößl des Theaters Hagen tobt der Bär

28.11.2010 | 18:14 Uhr
Im weißen Rößl des Theaters Hagen tobt der Bär
Im weißen Rößl Theater Hagen

Hagen.Das Theater Hagen zeigt als zweite Bühne die wiederentdeckte Urfassung von „Im weißen Rößl“ - mit einer Busladung alternder Transvestiten: Hier ist Revue, nicht Heimatschnulze, so viel ist klar. Und das Publikum ist begeistert.

Eine Busladung alternder Transvestiten fällt „Im weißen Rößl“ ein. Wir sind, das wird von Anfang an klar, in einer Revue, nicht in einer Heimatschnulze. Das Theater Hagen zeigt den beliebten Bühnen-Dauerbrenner jetzt in bissig-parodistischem Gewand. Das Publikum feiert die Produktion und das große Ensemble mit vielen Bravos.

„Im weißen Rößl“ von Hans Müller und Erik Charell mit der Musik von Ralph Benatzky wurde von den Nazis verboten und als „entartet“ gebrandmarkt, nicht allein wegen seiner jüdischen Väter. Hauptsächlich störte die Nationalsozialisten der despektierliche Umgang mit volkstümlichen Elementen. Auch die Badeszene wurde als skandalös empfunden.

Das wiedergefundene „Rößl“ ist erstaunlich frech und satirisch

Diese gesellschaftspolitische Brisanz des „Rößls“ ist in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Vergessenheit geraten. Dazu hat sicher die gemütvolle Verfilmung mit Peter Alexander als Zahlkellner Leopold ihr Teil beigetragen.

Nachdem 2009 aber die verschollene Originalpartitur von 1930 wieder gefunden wurde, machen sich die Bühnen nun daran, den alten Biss des treuen Theaterschlachtrosses mit seinen unsterblichen Schlagern neu zu entdecken. Dresden hat als erstes Haus die Urfassung aufgeführt, Hagen folgt jetzt als zweites.

Das wiedergefundene „Rößl“ ist erstaunlich frech und satirisch, vor allem musikalisch. Immer wieder wechselt die Partitur von Walzer, Marsch und Volksmusikanklängen abrupt in die 1930 gerade so modernen Rhythmen wie Foxtrott und Shimmy. Diese Umschwünge des musikalischen Temperaments müssen aber knackig und präzise auf den Punkt kommen. Das gelingt Hagens erstem Kapellmeister Bernhard Steiner mit den Philharmonikern jedoch überhaupt nicht, es wackelt überall.

Regisseur Thilo Borowczak zündet im ersten Teil ein Feuerwerk an schrillen, klamaukigen und überraschenden Einfällen. Es gibt Koffer-Slapstick und tanzende Tannenbäume, das Orchester spielt im Schwimmbad, Skilehrer, Senner und Mütter mit Kinderwagen bevölkern die Szenerie in Erwartung der geldbringenden Touristen. Österreichisch-deutsche Nationalklischees werden von Herzen gegeneinander ausgespielt, dafür sorgt schon Guido Fuchs als meckernder Berliner Trikotagenfabrikant Giesecke.

Mein Liebeslied muss
ein Walzer sein

Bühnenbildner Thorsten Macht hat mit seiner gigantischen drehbaren Skulptur einer Megawirtin eine geschickte Raumlösung gefunden, die den Revuecharakter des Stücks heraushebt und dem zahlreichen Personal genügend Platz zum Auftreten verschafft.

Allerdings gelingt es der Regie nicht, das Tempo und den Esprit der Inszenierung über die Pause zu retten. Der zweite Teil hat viele Längen, das liegt an dem unglücklichen Einfall, der ohnehin wirren Handlung zusätzlich noch ein Spiel im Spiel aufzupfropfen. Denn bei Borowczak ist die „Rößl“-Truppe tatsächlich eine Theatermannschaft in der Provinz, bei der hinter den Kulissen die Fetzen fliegen. So findet Wirtin Josepha backstage mit Hilfe von Ks. Horst Fiehl als Kaiserdarsteller zu der Erkenntnis, dass der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach. Hier kippt die Inszenierung aus der Revue ins Drama, und das bekommt ihr nicht.

Der Chor hat großartige Auftritte, auch wenn er am Anfang mit den schnellen Rhythmuswechseln zu kämpfen hat. Das Ballett sorgt mit viel Engagement und tollen Einlagen für Glamour.

Stefanie Smits, die in Hagen bereits als „Lustige Witwe“ glänzte, ist eine resolute Wirtin Josepha Vogelhuber. Sülzheimer jun. alias Richard van Gemert sieht im Schwimmanzug zu niedlich aus und kann als Sigismund nichts dafür, dass er so schön ist. Jeffery Krueger punktet als Rechtsanwalt Dr. Siedler mit klangvollen Tenorqualitäten. Tanja Schun ist mit ihrem tollen Sopran eine herausragende Ottilie. Als gebürtiger Österreicher kann sich der populäre Hagener Theaterkünstler Werner Hahn den Zahlkellner Leopold natürlich nicht nehmen lassen. Hahn spielt den verliebten Ober mit einer operettenseligen Mischung aus kratzbürstigem Schmäh und Herzeleid. Die Komische Oper Berlin ist nach Hagen übrigens jetzt die dritte Bühne, die die Urfassung auf den Spielplan setzt.

Monika Willer

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