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Im Angesicht der Raubkatzen

06.10.2009 | 13:41 Uhr
Im Angesicht der Raubkatzen

Iserlohn. Der Sandsack taumelt an einer dicken Metallkette hin und her, Fäuste und Füße hatten ihn malträtiert. Der Stahlträger unter der Decke knarrt und knirscht unter der Pendel-Bewegung. Neonröhren tauchen den kleinen Raum, in dem Helena Fromm trainiert, in ein kühles Licht.

Hinter dem dicken Backstein eines alten Fabrikgebäudes in Iserlohn rinnt der Schweiß. Zwei! Eins-eins! Bam-Bam! Es könnte sich um einen geheimen Code handeln, wenn Trainer Carlos Esteves die Anweisungen nicht so hinausbellen würde. Seine Stimme verrät: Er duldet keine Nachlässigkeit. Die Gruppe um Helena Fromm zerschneidet die Luft mit wilden Tritten, die von lautem Geschrei begleitet werden.

"Ich will eine Medaille"

Hier werden Hoffnungen für die anstehende WM im Taekwondo (14. bis 18. Oktober) geschmiedet. „Ich will eine Medaille”, sagt die junge Frau. Insgeheim spekuliert sie auf Gold, aber „man darf die Ziele nicht zu hoch setzen.” Das hat schon die Erfahrung gezeigt.

Dieses verfluchte Kreuzband

Als ihr Kreuzband im Knie Ende 2007 bei einem Wettkampf zerbarst, da war das ein Schock. Olympia 2008 schoss ihr durch den Kopf, der Traum von der Medaille, das Dabeisein, wenn globale Sportgeschichte geschrieben wird - aus, vorbei, so schien es, nur wegen dieses verfluchten Bandes. Bis Peking wieder fit zu werden sei fast unmöglich, resignierten die Ärzte. Doch Helena Fromm kämpfte, so wie sie es gewohnt ist zu kämpfen. „Wer kämpft”, sagt sie, „kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.”

Ein Nominierungsdrama

Nach einem wahren Nominierungsdrama - den einzigen deutschen Listenplatz bei Olympia hatte eine Konkurrentin gesichert, die nach Fromms Rückkehr nicht mehr weichen und ihr Recht gerichtlich erstreiten wollte - fuhr die junge Frau aus dem sauerländischen Oeventrop nach Peking.

Platz neun in Peking

Edelmetall sollte es sein. Doch all das hatte sie „ganz schön mitgenommen”. Platz neun am Ende. Geblieben ist die Erinnerung an zu hohe Ansprüche. Geblieben ist die Erinnerung an die Begegnung mit dem US-Sprinter Tyson Gay in der Mensa („Wahnsinn, hab' ich gedacht: Der isst ja das gleiche Essen wie ich”). Geblieben ist die Peking-Fahne an der Wand oberhalb der Matte in Iserlohn.

"Helena ist im Kopf sehr stark"

„Helena ist im Kopf sehr stark. Sie schöpft auch aus Negativ-Erlebnissen immer wieder neue Kraft”, schwärmt Esteves und kramt ein schwarzes Etwas hervor, das aussieht wie eine dick gepolsterte Hülle für einen Tischtennisschläger. Der Trainer täuscht einen Angriff vor, macht eine kurze Bewegung nach vorn. Das Polster hält er besorgniserregend nah an sein Gesicht, wie ein Dompteur, der seinen Raubkatzen so vertraut, dass er ihnen den Kopf zwischen die messerscharfen Zähne legt.

Kaderathletinnen unter sich: In einem ehemaligen Fabrikgebäude in Iserlohn trainiert Helena Fromm (rechts) gemeinsam mit Melanie Hartung für die Weltmeisterschaft in Kopenhagen. Fotos: Marcel Näpel

Helena Fromm schreit. Und tritt. Und trifft das Polster - präzise wie ein Chirurgenmesser, hart wie der Hieb eines Bären, so plötzlich wie ein Windstoß. Und wieder von vorn. Und wieder. Und wieder.

Ein Kampf mit dem eigenen Körper

Ein Kampf mit dem eigenen Körper. „Wir gehen im Training fast bis zum Erbrechen. Er will mich fertig machen, mich provozieren. Ich will zeigen, dass ich noch nicht fertig bin”, sagt Helena Fromm über das Training bei ihrem Heim- und neuerdings auch Bundestrainer Carlos Esteves: „Das bringt einen letztlich immer weiter.”

Sechs Tage die Woche zwei Einheiten am Tag

Es ist eine einzige Schinderei. Sechs Tage die Woche zwei Einheiten am Tag. Jeweils zwei Stunden treten, schlagen, einstecken. Dazu die Lehrgänge, zuletzt in Korea, Spanien, England. Das alles für zwei Dinge. Erstens. „Taekwondo lehrt dich, dass es nichts gibt, was du nicht erreichen kannst”, sagt Carlos Esteves. Zweitens. „Du musst dich im Kampf auf deinen Körper verlassen können”, sagt Helena Fromm. Sich im Training alles abzuverlangen, bedeutet seinem Körper im Ernstfall vertrauen zu können.

Gebrochene Hand stoppt sie nicht

Umso schwerwiegender, dass sich die 22-Jährige vor dem Saisonhöhepunkt, dem derzeit ein Trainingslager in Malente vorausgeht, erneut verletzte. Im Training brach sie sich die Hand. Das kann sie nicht stoppen. „Der Knochen ist noch nicht ganz verheilt, aber er tut nicht mehr so weh.” Die junge Frau mit den zwei winzigen Ohrsteckern und dem goldenen Reifen im blonden Haar lacht. Sie ist zäher als der erste Eindruck vermuten lässt - und mutiger.

Sie scheut kein Duell

Denn manchmal fühlt sich die BWL-Studentin nicht ernst genommen, gar herausgefordert. Ringer und Boxer hat Helena Fromm bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr kennengelernt, Kerle von beeindruckender Statur und ebensolchem Selbstbewusstsein. „Diese Leute glauben, sie würde mich locker fertig machen. Aber ich könnte da mithalten”, sagt sie trotzig. Sie scheut kein Duell - oder besser gesagt fast keines.

Wohnung in Iserlohn

Helena Fromm hat sich eine Wohnung in Iserlohn gemietet. Am Wochenende kehrt sie dann in die sauerländische Heimat zurück. Das hat Vorteile. „Wenn ich eine Spinne im Zimmer habe, hole ich meine Mama.”

Daniel Berg

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