"Ich musste das Leben einer Verrückten führen."
04.02.2010 | 17:53 Uhr 2010-02-04T17:53:00+0100
Hilchenbach. Tanja Afflerbach kann ohne starke Schmerzmittel nicht mehr leben. Dabei war sie kerngesund, bevor sie fast zehn Jahre lang mit Psychopharmaka behandelt wurde. Seit 2004 prozessiert die 40 Jährige gegen eine Siegener Klinik.
„Ich musste das Leben einer Verrückten führen, ohne es zu sein”, sagt sie.Tanja Afflerbach fordert Schadensersatz und Schmerzensgeld in sechsstelliger Höhe. Heute sollte das Urteil fallen. Doch jetzt verlangt der Richter des Landgerichts Siegen ein weiteres Gutachten.
Tanja Afflerbach war Anfang 20, als ein Autounfall, auf schneeglatter Fahrbahn, alles veränderte. Ihr Beifahrer wurde mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. „Mich, scheinbar unversehrt, hat man am Unfallort vergessen”, sagt die frühere Kunststudentin. Ihren Abschluss hat sie nie machen können. Heute lebt sie von Sozialhilfe. Die Bilder der kalten Winternacht ließen sie nicht mehr los. Ihr Hausarzt schickte sie zu einer Neurologin. „Ich wollte reden, aber ich durfte nicht”, erzählt Tanja Afflerbach. Stattdessen verabreichte die Ärztin ein Nervenmittel. „Da ging dann etwas schief”, sagt die Siegerländerin. Die heftigen Nebenwirkungen wurde mit anderen Medikamenten behandelt, die Tanja Afflerbach süchtig machten. „Ich wollte das wieder loswerden, ging in eine Marburger Klinik, und plötzlich waren alle Türen zu”, so die Hilchenbacherin, die sich noch an jedes Wort erinnert, das die damalige Ärztin über ihren psychischen Zustand sagte: „Sie hören sich normal an, aber sie sind verrückt.” Auf Druck der Eltern konnte sie die Klinik verlassen. Doch den Weg hinaus aus der Misere, in die sie die Entscheidungen der Mediziner gebracht hatte, fand sie nicht mehr. „Ich war jung und habe sicher auch viele Fehler gemacht”, sagt Tanja Afflerbach heute. „Ich hatte keine Chance, war stigmatisiert.” In einem Siegener Krankenhaus behandelte man sie erneut mit Nervenmitteln. „Ich wurde so vollgepumpt, dass ich monatelang die Augen nicht richtig aufgemacht habe.” Eine Therapie wurde abgelehnt. „Psychotiker kriegen keine Therapie, sondern eine Pille”, sagte man ihr. Tanja Afflerbach kämpfte darum, die Medikamente absetzen zu dürfen und schaffte schließlich den Ausstieg. Was ihr blieb, ihr für immer bleiben wird, sind „schrecklich Nervenschmerzen und eine starke Überempfindlichkeit gegen äußerliche Reize, vor allem Licht”, sagt Tanja Afflerbach. Ein Arzt des Gemeinschaftskrankenhauses in Herdecke half ihr, die „unerträglichen” Schmerzen in den Griff zu bekommen. Nach Einschätzungen eines vom Gericht bestellten Gutachters sind die im Laufe der Jahre gestellten Diagnosen weder begründet noch nachvollziehbar. Die beklagte Klinik behauptet, mehrfach den Befund überprüft zu haben, hat dies aber bislang vor dem Landgericht Siegen nicht belegt. Geben die Juristen Tanja Afflerbach Recht, wird sie die erste Patientin in Deutschland sein, die eine falsche Therapie mit Nervenmitteln nachweisen kann. Laut Bundesärztekammer betreffen nur 0,5 Prozent der Klagen auf Kunstfehler die Psychiatrie. Doch: „Selbst wenn ich den Prozess in erster Instanz gewinne, ist die gerichtliche Auseinandersetzung nicht zu Ende”, weiß sie. „Mir geht es vor allem um Rehabilitation und darum, dass dieser Fall an die Öffentlichkeit kommt”, so die 40-Jährige. „Es gibt so viele Menschen, die mein Schicksal teilen und für immer im Dunkeln bleiben.”

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