Hohe Dunkelziffer bei Straftaten gegen Ältere
09.04.2010 | 19:24 Uhr 2010-04-09T19:24:00+0200
Düsseldorf/Aachen. NRW will ältere Opfer von Straftaten stärker ermutigen, Strafanzeigen zu stellen und Hilfsangebote anzunehmen. Die Staatsanwaltschaft Aachen startet deshalb einen Modellversuch mit einem Ansprechpartner für ältere Opfer.
Senioren werden häufiger Opfer von Straftaten und Gewalt, als es die Kriminalitätsstatistik ausweist. Aus Angst vor Verbrechen ziehen sich Ältere häufig in die eigenen vier Wände zurück. Nordrhein-Westfalens Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) plant deshalb den Ausbau des Opferschutzes für Senioren.
Ex-Bundesfamilienministerin Ursula Lehr kennt die besonderen Gefahren für Ältere. Beim Handtaschenraub nutzen Ganoven die Schwäche von Senioren. Dann gibt es den Handwerkertrick, mit dem sich Ganoven in Wohnungen einschleichen. Andere bitten an der Tür um ein Glas Wasser oder wollen eine Nachricht für Nachbarn abgeben. Und auch mit unseriösen Gewinnspielen werden Senioren überrumpelt.
Informationskampagne
„Viele melden die Straftat nicht, weil sie sich für die eigene Eselei schämen oder Scherereien vor Gericht scheuen”, sagte Lehr. Die Dunkelziffer sei wahrscheinlich sehr hoch, erklärte Müller-Piepenkötter. Sie will eine Informationskampagne und ein Modellprojekt starten.
Eine eigens bestellte Staatsanwältin nimmt sich mehr Zeit für Fragen und Erklärungen, nimmt Anzeigen auf und stellt Kontakte etwa zur Opferhilfe „Weißer Ring” her.
Oberstaatsanwältin Elisabeth Auchter-Mainz betonte, dass Ältere unter Straftaten besonders leiden, weil sie sich hilflos fühlen. Der Modellversuch soll bei Erfolg landesweit umgesetzt werden. Nach Angaben der Professorin Ursula Lehr werden pflegebedürftige Senioren häufig Opfer von Misshandlungen. „Viele Pflegebedürftige in Familien können und wollen sich nicht wehren aus Angst, in ein Heim abgeschoben zu werden.”
Opferschutz für ältere Menschen zu spät erkannt
Dabei wäre mancher ältere Mensch in einem guten Pflegeheim besser aufgehoben, sagt Lehr. Viele Angehörige seien deutlich überfordert. Immer noch werden viele Pflegefälle mit Medikamenten ruhig gestellt oder im Bett fixiert, liegen wund oder werden schlicht vernachlässigt. „Das Thema Opferschutz für Ältere ist zu spät erkannt worden”, sagte Ministerin Müller-Piepenkötter.
Heimaufsicht und Heimbeiräte sollen deshalb verstärkt auf Misshandlungen in Einrichtungen achten. Müller-Piepenkötter warnte vor einer hohen Dunkelziffer bei Straftaten gegen Ältere. In der letzten Studie Ende der 90er Jahre hatten 10,8 Prozent der über 60-Jährigen angegeben, sie seien in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Straftat geworden.

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