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Hagener Theater zeigt Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt"

15.11.2009 | 23:00 Uhr
Hagener Theater zeigt Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt"

Hagen. Das Theater Hagen zeigt Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt". Dabei präsentiert sich das Ensemble sehr engagiert. Aber dennoch läuft das Publikum Gefahr, sich ein wenig zu langweilen.

Die Gattung Operette wird als Parodie auf den Ur-Stoff der Oper geboren: Orpheus, dessen Gesang selbst Steine zum Weinen bringen kann, ist bei Jacques Offenbach zum spießigen Musikbeamten verkümmert. Das Theater Hagen zeigt „Orpheus in der Unterwelt” jetzt als engagierte Ensembleleistung.

Szene aus Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt am Theater Hagen. Foto: Stefan Kühle / Theater Hagen

Mit dem Mythos von Orpheus wurde um 1600 der Beginn der Oper eingeläutet. Der Mann hatte ja einen Grund, auf der Bühne zu singen. Jacques Offenbach nutzt den bekannten und beliebten Stoff gut 250 Jahre später, um eine ganz neue Form von Musiktheater zu erfinden und schüttelt dabei den antiken Göttern und Helden kräftig den Staub aus den Lorbeerkränzen. Erkennen sollten sich aber die Lebenden, das Publikum.

Gesellschaftssatire

Diese Gesellschaftsparodie ist heute nicht mehr allgemein verständlich; die Regie muss also übersetzen. So hat Peter Pietzsch das Stück am Theater Hagen seinerzeit als frech-frivole Künstlerposse inszeniert.

Thomas Weber-Schallauer zieht der Handlung jetzt komplett den politischen Zahn und macht sie zu einer Schlafzimmerkomödie. Entsprechend hat Ausstatterin Kirsten Dephoff ein riesiges Strech-Bett entworfen, in dem sich die Götter im Olymp ganz in klinischem Weiß gegenseitig anöden und das später in der Hölle in Rot schwüle Phantasien nährt.

Männerbeine in Tüllröcken

Dieses Konzept erweist sich in mehrerer Hinsicht auch rein handwerklich als recht unglücklich. Offenbach lässt die Götter sich im zweiten Bild langweilen. Wenn eine Regie dies zu wörtlich nimmt, riskiert sie, dass es dem Publikum genauso geht. Außerdem nutzt Weber-Schallauer das Riesenlager bevorzugt, um das Ensemble zu Tableaus zu gruppieren: auch kein probates Mittel, um eine Geschichte in Fahrt zu bringen. Nicht zuletzt erweist sich das Bett als wenig stimmfreundlich. Offenbachs Mischung aus Koloraturen und Spitzentönen ist gefährlich, wenn die Sänger zu weit weg von der Rampe agieren müssen.

Um das Spiel dennoch aufzulockern, wird es mehrfach krachledern. Richard van Gemert schwebt als Merkur aus dem Bühnenhimmel und will den Unsterblichen Rentenversicherungen verkaufen, nachdem er sich eine Linie Koks reingezogen hat. Ein Schelm, wer dabei nicht an die Finanzkrise denkt. Das Ballett schließlich, eine unentbehrliche Stütze für Offenbachs legendäre Cancans, erfreut vor allem jene, die Männerbeine in Tüllröckchen zu schätzen wissen.

Das Ensemble ist gefordert

Schon bei der verunglückten „Nacht in Venedig” hatte man den Eindruck, dass der angesehene Regisseur Weber-Schallauer sich mit der Operette, und vor allem mit deren selbstironischen Aspekten, ausgesprochen schwer tut. Denn er parodiert ausgerechnet die gattungsimmanente Satire, anstatt die Maschinerie der Komödie zum Laufen zu bringen.

Das Ensemble ist sehr gefordert mit Offenbachs Notentext und sorgt beweglich und stimmschön für Esprit auf der Bühne. Die großartige Wuppertaler Sopranistin Elena Fink bezaubert auf ihrem Weg von der gelangweilten Hausfrau Eurydike zur wilden Bacchantin in der Unterwelt mit anrührenden Couplets und sicherer Höhe. Gasttenor Markus Petsch ist ein Höllenfürst Pluto mit viel Sex-Appeal. Rolf A. Scheider legt den Jupiter als verklemmten Schürzenjäger an. Marilyn Bennett zieht als Juno alle Register ihres enormen komödiantischen Talentes. Werner Hahn darf als Styx in guter Operettentradition Kommentare zur Tagespolitik abliefern. Jeffery Krueger ist ein gelenkiger Orpheus mit schönen lyrischen Akzenten im Tenor. Kristine Larissa Funkhauser bräuchte als öffentliche Meinung noch ein wenig mehr Dampf in der Stimme.

Kapellmeister Bernhard Steiner dirigiert die wunderbare Partitur ebenso schlank wie federnd und trifft zwischen barockisierenden Zitaten und rauschenden Galopps einen elektrisierenden Ton. Die Hagener Philharmoniker glänzen auf dem halbhochgefahrenen Graben mit schönen Soli, klingen aber mitunter etwas zu schrill.

Monika Willer

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Kommentare
17.11.2009
00:56
Hagener Theater zeigt Offenbachs Orpheus in der Unterwelt
von hagenohhagen | #2

Auf den Punkt gebracht, Athina. Aber ich möchte noch ein paar Worte zwischen den Punkten hinzufügen.
Wenn Yvonne Hinz seit einiger Zeit Vorberichte über kulturelle Ereignisse in Hagen schreiben darf (muss), dann kann man daran keine fachlichen Erwartungen knüpfen, denn sie versteht davon einfach nichts. Wenn aber die im Feuilleton der WP dafür zuständige Redakteurin sich in einer Kritik zu einer Theateraufführung zu Wort meldet, dann sollte man davon ausgehen können, dass sie auch weiß, worüber sie schreibt. Aber diese Hoffnung muss man leider auch bei Frau Willer begraben, denn ihre Kritiken der letzten Jahre zeigen vieles, nur nicht Sachkenntnis und handwerkliches Können.
Liebe Frau Willer, warum lese ich in Ihrer Kritik nichts über die enthusiasmierte Stimmung im Theaterpublikum während und nach der Premiere (dier sie ja meinetwegen auch hätten kritisieren können), nichts über den begeisterten Applaus nach der Vorstellung, kein Wort über die vielen Ideen der Inszenierung, die vom Publikum, nicht aber von Ihnen wahrgenommen wurden, usw., usw.,...?
Stattdessen sehe ich mich einer von keinerlei Fachkenntnis berührten Äußerung gegenüber, der Operette sei die Satire immanent. Welchen Operetten außer denen von Offenbach und einigen wenigen anderen denn? Dem Land des Lächelns, dem Schwarzwaldmädel oder dem, wenn ich mich recht erinnere, von Ihnen vor einigen Jahren in einer unsäglichen Aufführung des Hagener Theaters gutgeheißenen Zarewitschetwa?
Ich lese Ihre Kritiken (nach dem Besuch der jeweiligen Aufführung) nun schon seit vielen Jahren. Und dabei verhärtet sich bei mir der Verdacht, dass Sie weder zu dem Werk noch zu der Aufführung überhaupt etwas zu sagen wissen (was übrigens auch für Ihre Konzertkritiken zutrifft). Stattdessen variieren Sie Ihr nicht nur fach- und sachfernes , sondern auch generell beschränktes Vokabular in einem kaum mehr als zwei bis drei Inszenierungen umfassenden Rhythmus. Dabei sprechen Sie immer wieder gerne von der guten Ensembleleistung, auch wenn Sie die Arbeit des Regisseurs schlechtheißen. Ja, glauben Sie denn wirklich, dass diese gute, oft tolle Ensembleleistung möglich wäre, ohne die (gute, oft tolle) Arbeit des Regisseurs oder des gesamten Leitungsteams?
Verzeihen Sie, Frau Willer, aber ich glaube immer mehr, dass Sie sich der größten Schandtat eines Kritikers schuldig machen: Sie schreiben entweder das, was Sie ohne Auseinandersetzung mit dem Werk und der Inszenierung schon vorher glaubten zu wissen oder (was eigentlich noch schlimmer ist) Sie bauen ihre Rezensionen auf nicht hinterfragten oder ungeprüften Informationen Dritter (vielleicht, schlimmtensfalls auch aus dem Theater) auf.
Und dann, liebe Frau Willer, sind Sie ein Scharlatan!
Ich habe mir jetzt einmal die Mühe gemacht, über die Hagener Premiere des Orpheus zu googlen. Drei Kritiken habe ich gefunden. Alle beurteilten die Aufführung wesentlich besser als Sie, auch wenn sie das Eine oder Andere auch (fundiert!) kritisieren.
Auf jeden Fall aber geben sie das wieder, was bei der Premiere stattgefunden hat und nicht das, was (siehe Athima) das Geschmäclke so absondert.
Vielleicht sollten Sie, liebe Frau Willer, mehr über pochierte Eier schreiben (wie Sie es vor nicht allzu langer Zeit vollkommen überflüssiger Weise auf der Feuilletonseite ihrer Zeitung getan haben) als über Theater, Musik und andere künstlerischen Arbeiten.

hagenohhagen

16.11.2009
19:14
Hagener Theater zeigt Offenbachs Orpheus in der Unterwelt
von Athina | #1

Ach! Frau Willer das waren noch Zeiten, als Gesellschaftsparodien noch allgemein verständlich waren, die Regie sich auf frech frivole Possen beschränken konnte, die politischen Zähne an Ort und Stelle verblieben und nicht durch Implantate schwüler Phantasieen ersetzt wurden, Sänger rampenparalell das Publikum ansangen und unter den Tutus schlanke Tänzerinnenbeine jedermanns Auge erfreuten, als gattungsimmanente Satire unparodiert und ohne maschinengetriebene Komik zum Lachen reizte!
Tja, Frau Willer, das waren noch Zeiten, als Kritiker handwerklich glücklich, mit Sachverstand gattungsimmanente Kritiken schrieben ohne sich vom eigenen, altbackenen, rückwärtsgewandten Geschmäckle leiten zu lassen. Ach ja...
Wir waren in der Premiere, haben uns sehr amüsiert und eine, auch von anderen Zuschauern mit viel Applaus bedachte, Aufführung genossen! Und ich hoffe, dass das noch vielen anderen Zuschauern ebenso geht!

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