Gegen den Tarifdschungel in Westfalen
20.10.2011 | 18:14 Uhr 2011-10-20T18:14:00+0200
Hagen. Die fünf Verkehrsverbünde in Westfalen arbeiten an einem gemeinsamen Tarif für Busse und Bahnen. Der Westfalentarif soll dabei einheitliche Bedingungen, aber keine Einheitspreise mit sich bringen. „Am 1.8.2014 soll der Kunde etwas merken“, umreißt Jörg Framenau, Tarifexperte beim Zweckverband Ruhr-Lippe, den Zeitplan.
Bislang gibt es fünf Tarifsysteme in Westfalen; in Südwestfalen gibt es den Ruhr-Lippe-Tarif, gültig im Hochsauerlandkreis, dem Märkischen Kreis, den Kreisen Soest und Unna sowie der Stadt Hamm; außerdem den VGWS-Tarif für die Kreise Olpe und Siegen. Innerhalb dieser Tarifsysteme reicht schon jetzt ein Fahrschein für eine Fahrtbeziehung, auch wenn man dabei etwa erst den Bus und dann die Bahn benutzt. Wer die Grenzen überschreitet, muss entweder komplizierte Übergangsregelungen in Kauf nehmen oder den NRW-Tarif nutzen, für den es aber keine Monatskarten gibt und der nicht gilt, wenn der Großteil der Strecke per Bus zurückgelegt wird - wie zum Beispiel bei der Fahrt von Siegen nach Meschede. Dann muss der Kunde doch mehrere Fahrkarten kaufen.
Solchen Tarifwirrwarr wird es künftig nicht mehr geben, verspricht Framenau: „Für den Kunden soll es einfacher werden.“ Der Tarifexperte beschreibt den künftigen Westfalentarif als einen Rahmentarif: Von Siegen bis Münster, von Lüdenscheid bis Bielefeld sollen dann einheitliche Regelungen gelten etwa für Monatskarten, Mitnahmeregelungen, Fahrräder oder Schülerfahrkarten. Es gebe viele Ideen, sagt Framenau, wie „die Seniorenkarte, die in ganz Westfalen gilt“. Vieles sei im Fluss, noch wenig entschieden. Gerade erst ist beim Landesverkehrsministerium der „Projektantrag zur Tarifharmonisierung und Tarifentwicklung in Westfalen-Lippe“ gestellt worden, zur Übernahme der Kosten für ein dreiköpfiges Projektbüro und für Gutachten, die für die veranschlagten drei Jahre Laufzeit auf insgesamt gut eine Million Euro beziffert werden. Eine mündliche Zusage liege bereits vor, berichtet Framenau.
An den Fahrpreisen wird sich nicht allzu viel ändern, sagt Framenau - weder nach oben noch nach unten. „Wir können weder die Verkehrsunternehmen noch unsere Kunden übermäßig belasten“, macht der ZRL-Mann klare Vorgaben. Konkret heißt das: Die - vergleichsweise teuren - Fahrpreise in Siegen und Olpe werden auch im Westfalentarif erhalten bleiben und nicht etwa an Münster oder Paderborn angeglichen. „Eine Quersubventionierung zwischen den Verkehrsunternehmen ist undenkbar“, zieht Framenau Grenzen. Allenfalls auf mittlere Sicht sei eine Harmonisierung der Fahrpreise möglich, „von oben nach unten“, so Framenau. Denn die obersten Preisstufen für die ganz langen Verbindungen werden mit dem Westfalentarif ja neu eingeführt.
Unklar ist, was aus der Bahncard wird. In den bisherigen (Binnen-)Tarifen der fünf Verkehrsverbünde gilt die Karte mit 50 oder 25 Prozent Ermäßigung nicht, bei den Einzelfahrscheinen des NRW-Tarifs hingegen schon. „Das ist der Knackpunkt“, ist aus den Verbraucherverbänden VCD und Pro Bahn dazu zu hören. Schon jetzt gilt etwa der ZRL-Tarif auf längeren Relationen als teuer - weil die Bahncard nicht (mehr) gilt. Wohl dem, der den Nahverkehrstarif umgehen kann, weil auf der Strecke auch Fernverkehr unterwegs ist: Von Soest nach Paderborn fährt der Kunde mit Bahncard und einem Fahrschein für den Intercity (für den der ZRL-Tarif nicht gilt, den der Fahrgast aber auch gar nicht benutzen muss) billiger (7 Euro) als mit dem ZRL (10,90 Euro). „Vielleicht gibt es ja eine Westfalen-Bahncard?“ stellt Framenau eine Überlegung in den Raum. Wie erwähnt: Ideen gibt es viele.

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