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Frühlingsgefühle nur eine Einbildung

29.04.2010 | 10:55 Uhr
Frühlingsgefühle nur eine Einbildung

Hagen.In den Industrienationen spielen natürliche Lebenszyklen beim Menschen keine Rolle mehr. Deshalb sind laut Wissenschaft auch die Frühlingsgefühle verschwunden.

Steigende Temperaturen, wärmende Sonnenstrahlen und viele Menschen unterm blauen Himmelszelt. Da erfasst den einen oder anderen das gewisse Kribbeln. Offenbar sind solche Frühlingsgefühle jedoch bloß eine Einbildung.

Konstantes Geburtenniveau

Seit Jahrzehnten hat der Jahreszeitenwechsel keinen Einfluss mehr auf Geburtenstatistiken. Das hat Chronobiologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit einer umfassenden Studie herausgefunden. „Seit etwa 50 Jahren gibt es keine Spitzen mehr, sondern ein abgeflachtes Geburtenniveau in den Industriestaaten“, erläutert Roenneberg. Bei seinen Forschungen hat der Wissenschaftler den Einfluss von Licht auf die Lebenszyklen von Menschen untersucht. In seinem Buch „Wie wir ticken – Die Bedeutung der inneren Uhr für unser Leben“ schildert der Forscher unter anderem wie sich die Libido im Laufe der Jahrzehnte veränderte.

Geht es nach den Ergebnissen des Wissenschaftlers, dann ist der Frühling nicht mehr die vorherrschende Zeit, in der sich Frau und Mann am liebsten körperlich nahe kommen. Vor Jahrzehnten sah das noch ganz anders aus. Wenn draußen die Natur erwachte, wurde auch häufig die Lust geweckt. „Früher war der Einfluss von Temperatur stark ausgeprägt“, sagt der Roenneberg. Außerdem habe sich die länger werdende Sonnenscheindauer auf das Sexualverhalten ausgewirkt. „Dieser Einfluss wurde jedoch immer kleiner, weil wir uns mehr in Häusern aufhalten“, so Roenneberg. Ausreißer nach oben gibt es aber nach wie vor. So zeigt sich, dass in den westlichen Industriestaaten an Weihnachten häufiger Kinder gezeugt werden als im Jahresdurchschnitt.

Frühling trotzdem anregend

Aber wo sind dann die Frühlingsgefühle geblieben? Offen bar sind sie vom saisonalen Phänomen zum ständigen Begleiter geworden. Durch künstliche Licht- und Wärmequellen spürt der menschliche Körper keinen Unterschied mehr zwischen kalten und heißen Jahreszeiten. Da solche Umweltsignale fehlen, hat der menschliche Hormonhaushalt keine Anhaltspunkte mehr. Glückshormone, die Auslöser für die Frühlingsgefühle sind, werden auf diese Weise permanent angeregt. Daher fielen die ehedem als geburtenstark geltenden Monate weg.

Nichtsdestotrotz scheint der Frühling eine besonders geeignete Jahreszeit für Nachwuchsplanungen zu sein. Israelische Wissenschaftler fanden nämlich heraus, dass sich das Mehr an Tageslichtstunden positiv auf die Entwicklung von Embryos auswirkt.

Wer immer noch glaubt, Frühlingsgefühle zu verspüren und sich von dieser romantischen Vorstellung nicht lösen mag, für den hat die Wissenschaft indes eine beruhigende Antwort parat. „Die Antriebskräfte, die sich früher auf die Geburtenraten ausgewirkt haben, sind natürlich nach wie vor da“, räumt Roenneberg ein. Ursache sind also keine hormonellen, sondern rein praktische Gründe, die während der wärmeren Monate zum Zuge kommen. „Man ist mehr unterwegs und auch weniger depressiv“, sagt der Chronobiologe. Ein gesteigertes Interesse bei der Partnersuche sei außerdem auf die Flut optischer Reize zurückzuführen. Denn mit dem Temperaturanstieg geht eine lockere re Kleiderordnung einher. „Der Mensch sieht bei höheren Temperaturen einfach öfter Haut“, erläutert Roenneberg.

Die natürlichen Frühlingsgefühle haben den Menschen verlassen, sie sich einzubilden, ist jedoch weiterhin erlaubt.

Stefan Rebein

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