Das aktuelle Wetter NRW 9°C
U-Bahn

Experten: Einsturzgefahr besteht nicht

12.02.2010 | 18:28 Uhr

Köln. Wenn nicht gerade Karneval wäre, würde man die fassungslose Empörung über den Pfusch beim Kölner U-Bahn-Bau deutlicher spüren. So winken die vereinzelt anzutreffenden Einheimischen in der Altstadt nur resigniert ab und widmen sich schnell wieder Angenehmerem zu: Bützen, Tanzen, Singen, Feiern.

Wie ernst die Stadt Köln, die Verkehrsbetriebe (KVB), die Düsseldorfer Bezirksregierung und die Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen (Arge Los Süd) die Lage nehmen, zeigt der völlig unrheinische Arbeitseifer während der tollen Tage. Sonst sind zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch Büros und Behörden verwaist, jetzt gibt man stundenlang geduldig der Presse Auskunft. Und keiner ist kostümiert. Aber der Skandal um die Schlitzwände und Stahlbügel hat auch seine komischen Seiten: Wenn 60 Journalisten in orangenen Warnwesten und mit roten Schutzhelmen vom KVB-Büro am Altermarkt zur Baustelle am Heumarkt gehen, wirken sie zwischen den ganzen Kostümierten selbst wie eine kuriose Karnevalsgruppe.

Den zentralen Satz sagt Stadtdirektor Guido Kahlen: „Alle Experten sind sich einig, dass keine Einsturzgefahr besteht.” Da Journalisten nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Kölner U-Bahn-Bau nicht gar so viel Vertrauen in Expertenaussagen haben, sind weitere Erläuterungen nötig. Die gibt vor allem Jochen Keysberg, Geschäftsführer der Arge. Er erklärt zunächst, was einer Schlitzwand ist. Sie heißt so, weil für sie zunächst der Boden aufgeschlitzt wird. Etwa 40 Meter tief. In das Loch kommt ein Stahlkorb in zwei Teilen. Diese beiden Teile werden miteinander verflochten. Dazu werden die ominösen, etwa 65 Zentimeter langen Stahlbügel eingesetzt. Quer zum Eisengitter. Und dann wird alles mit Beton verfüllt.

Kein Einfluss auf dei Sicherheit

Keysberg will das Problem nicht kleinreden, sagt er. Doch er relativiert: „Vom Eisenanteil in den Stichwänden machen die Bügel nur ein Prozent aus, die korrekt verbauten Körbe 99 Prozent.” Und was ihm noch wichtig ist: „Die Schlitzwand ist ein temporärer Baukörper, um den eigentlichen Bau zu errichten. Wenn der Rohbau des Tunnels steht, hat sie keine Funktion mehr.”

Betroffen von den fehlenden Stahlbügeln sind offenbar drei U-Bahn-Haltestellen: Die am Rathaus, die so weit fortgeschritten ist, dass die Schlitzwände keinen Einfluss mehr auf die Sicherheit haben. Die am Waidmarkt, am eingestürzten Stadtarchiv, die inzwischen anderweitig abgesichert ist. Der Pfusch mit den fehlenden Bügeln war nach Ansicht der Experten nicht für die Katastrophe verantwortlich. Und die dritte Baustelle ist der Heumarkt. Deshalb hat man dort am Mittwoch an zwei Stellen die Wände geöffnet und die Sicherungsbügel überprüft. Mit dem bekannten Resultat: 83 Prozent fehlen. Fragt sich nun, wie dramatisch das ist: Fürs ungeschulte Auge ist reichlich Metall in einer stabilen Wand zu sehen. Aber die Experten rechnen noch. Was passiert bei Hochwasser? Wahrscheinlich nichts. Sicherheitshalber werden zusätzliche Stützen eingebaut.

Alarmbereitschaft

Am Donnerstag waren Polizei und Feuerwehr in Alarmbereitschaft. Vorsorglich wurden Pläne für eine Evakuierung der Umgebung vor dem Maritim-Hotel erarbeitet. Aber das ist zurückgefahren.

Die Schlitzwände wurden in den Jahren 2004 und 2005 gebaut. Damals waren die Stahlpreise hoch. Doch Keysberg bezweifelt, dass für eine Tonne beim Schrotthändler mehr als 200 Euro zu erzielen gewesen seien. Und es könnten allerhöchstens 5,6 Tonnen abhanden gekommen sein. Kein fetter Gewinn also.

Klar ist, dass die Kontrolle versagt hat. Und beängstigend ist, was KVB-Vorstand Walter Reinerz sagte: „Ohne die Mitteilung der Staatsanwaltschaft über die Aussage des Bauarbeiters hätten wir keine Möglichkeit gehabt, das nachzuvollziehen.” Die gleiche Baumannschaft, die für den Diebstahl verantwortlich sein soll, war auch beim Düsseldorfer U-Bahn-Bau im Einsatz. Dort wird mit der gleichen Technik gearbeitet. Matthias Vollstedt von der technischen Aufsichtsbehörde bei der Bezirksregierung, die seit dem Archiv-Einsturz am 3. März 2009 wöchentlich kontrolliert, statt nur alle zwei bis drei Monate: „Das wird Konsequenzen haben.” Welche, sagte er nicht.

Harald Ries

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2554676/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Jahreskonferenz
Bildgalerie
Jahreskonferenz...
Busunfall in Siegen
Bildgalerie
Unfall
Eggeabtrieb 2011
Bildgalerie
Fotostrecke
Liese am Rednerpult
Video
EU
Foto
Aus dem Ressort
Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 14
Fortsetzungskrimi
Wendler und Schulthof fluchten und fühlten sich an der Nase herumgeführt. In zwölf Städten und Gemeinden hatten sie vergeblich gesucht, hatten historische Stätten und touristische Sehenswürdigkeiten kennen gelernt und manchen städtischen Werbeblock gehört. Aber eine Spur von der Schwarzen Hand?
Foto Text
Das Geheimnis der schwarzen Hand, Folge 13
Fortsetzungskrimi
Die Wälder wurden immer tiefer und dunkler. Keine Menschenseele war zu sehen. Würde der Täter endlich Ernst machen?
Foto