Envio-PCB-Skandal weitet sich aus
29.06.2010 | 18:11 Uhr 2010-06-29T18:11:00+0200
Dortmund.Der Umweltskandal bei der Dortmunder Entsorgungsfirma Envio droht sich auszuweiten.
Nachdem bei 95 Prozent der Envio-Mitarbeiter festgestellt wurde, dass ihr Blut weit über alle Grenzwerte hinaus (25 000-fache Erhöhung) mit der krebsfördernden Chemikalie polychloriertes Biphenylen (PCB) verseucht ist, stehen nun noch die Ergebnisse für 300 Männer und Frauen an, die als Untermieter oder Leiharbeiter auf dem Gelände der Recyclingfirma gearbeitet haben.
Das Gesundheitsamt der Stadt Dortmund rechnet damit, dass die Resultate Anfang der kommenden Woche vorliegen. Außerdem wurden dreißig Termine mit Kleingärtnern und Anwohnern zur Blutuntersuchung vereinbart, die in der Nähe von Envio wohnen oder dort ihre Garten-Scholle beackern.
Den Kindern die Blutentnahme ersparen
Kinder unter 14 Jahren sollen laut Dr. Annette Düsterhaus, Leiterin des Dortmunder Gesundheitsamtes, zunächst nicht untersucht werden, „um ihnen die Belastung der Blutentnahme zu ersparen“. Dr. Annette Düsterhaus: „Außerdem gibt es keine Therapiemöglichkeiten bei einer PCB-Anreicherung im menschlichen Körper.“ Die Expertenrunde um Prof. Michael Wilhelm (Ruhr Uni), die die Blutuntersuchungen der Mitarbeiter bewertete: „Wegen der langen Verweildauer von PCB im menschlichen Körper lassen sich spätere gesundheitliche Auswirkungen nicht ausschließen.“
„Umso unverständlicher ist das Verhalten der beteiligten Behörden im Fall Envio“, kritisieren Umweltschützer. Bereits 2007 hatte das Landesumweltamt (LANUV) PCB-Belastungen im Dortmunder Hafengebiet entdeckt. Im November 2008 fand das LANUV in Gemüsepflanzen aus den Kleingartenanlagen Hafenwiese, Hobertsburg und Westerholz PCB und Dioxine. Am 16. Januar 2009 wurden die Ergebnisse der Bezirksregierung Arnsberg vorgestellt, am 27. Januar 2009 folgten die Kleingärtner. Die vorsorgliche Empfehlung: „Esst kein selbst angebautes Gemüse.“ Derweil ging die Suche nach der Ursache der Belastung weiter.
PCB-reine Trafo-Bleche waren verseucht
Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung nahmen Mitarbeiter der Bezirksregierung und des Landesumweltamtes am 30. April 2010 Proben auf dem Envio-Firmengelände. Am 5. Mai um 16.42 Uhr lagen die Ergebnisse vor: An vorgeblich „PCB-reinen“ Trafo-Blechen wurde die PCB-Belastung um das 150-fache überschritten. Um 19 Uhr folgte die Teilstilllegung des Betriebes.
Doch Envio folgte der Auflage nicht. Nach Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters verstieß der Abfall-Entsorger weiter „zigfach gegen Auflagen und Sicherheitsrichtlinien“. Es ist von Vertuschungen und Täuschungen die Rede. Die Folge: Am 20. Mai 2010 verfügt die Bezirksregierung die sofortige Stilllegung des gesamtes Betriebes.
Die Bezirksregierung erstattet Strafanzeige gegen Envio wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Dazu Jörg A. Linden, Pressesprecher der Bezirksregierung: „Die kriminelle Energie, die die Unternehmensleitung angetrieben hat, ist die einzige Erklärung für dieses Verhalten.“ Envio habe Städte, Behörden, die Medien und sogar Zertifizierungs-Experten getäuscht.
Umweltzertifikate für Envio
So wurde Envio dreimal als vorbildlicher Entsorgungsfachbetrieb mit ISO-Normen ausgezeichnet. Die Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund verlieh Envio noch im Dezember 2009 das Umweltzertifikat „Ökoprofit“. Die Dortmunder Grünen betonten stets die tadellose Innovationsbereitschaft des Betriebes. Im November 2008 erteilte der Dortmunder Stadtrat Envio ein Erbbaurecht an Industriegrundstücken mit einer Laufzeit von 40 Jahren.
Auch wenn sich Envio-Vorstandschef Dr. Dirk Neupert „tief erschüttert und ebenso überrascht“ über die jüngste Entwicklung äußert, verloren die Envio AG Inhaber-Aktien, die im Xetra gehandelt werden, innerhalb weniger Minuten fast zwei Drittel ihres Wertes. Die Experten von „Smart Investor“ empfehlen ihren Anlegern sogar, „die Aktie von Envio aus dem Depot zu entfernen“.
Diese Entwicklung wird viele deutsche Unternehmen vor Probleme stellen, denn laut Envio Referenzen-Liste ließen BASF, Bayer, BMW, BEWAG, DB Energie, EnBW, EON, Ford, Hoechst, Hoesch, die Hüls AG, Remondis, RWE, Schering, Siemens, Thyssen und VW ihre Transformatoren bei dem Dortmunder Betrieb entsorgen.

07:49
@ 8
Der Vollständigkeit halber sollte da auch noch
die AGR mit seinen Töchtern erwähnt werden, die extremen Einfluss über die Politik (bezahlte Aufsichtsräte) nimmt.
23:22
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23:22
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21:35
Hä... Moderation.
Andererseits hat das Löschen auch sein Gutes.
Also noch mal.
Stimme vaikl voll zu das die Seilschaften zu hinterfragen sind.
Auch ich habe durch Einblick die Erfahrung gemacht, dass die erkaufte Nähe von Politik und Wirtschaft unserer Gesellschaft nicht gut tut.
Diese Nähe, vergütete Aufsichtsratposten, wird anscheind nur allzu oft Missbraucht.
20:18
@ 5 vaikl
sehr schön recherchiert.
Das gleiche wie bei der Fa. Kost in Bochum, die Mehrheitlich der AGR gehört, welche wiederum dem RVR zu 100% gehört.
Die Ruhrgebietsstädte entsenden Aufsichtsräte in RVR und von dort in die AGR.
Und die Fa. Kost stinkt nachweißlich über die gesetzlichen Grenzwerte hinweg die Anwohner in einem Umkreis von 4km Durchmesser zu.
Die Gesundheitliche Komponente will die BR Arnsberg nicht anpacken.
Bleiwerte im Staub sind seit 2002 über den Grenzwerten.
Und natürlich kann man sich das nicht erklären.
War das in Dortmund am Anfang nicht genauso?
Ich glaube da muss ein Anwohner mal seinen Grünkohl testen lassen.
Auflagen werden erteilt, geändert hat sich bis heute nichts.
Die Firma wäre da schon lange weg wenn es diese Seilschaften nicht und das (nicht vorhandene) Geld der AGR gäbe.
Klüngel ist da ein viel zu harmloses Wort.
17:49
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16:03
Bleiben wir doch mal kurz bei der Referenzliste und den wirtschaftlichen Hintergründen.
Da gibt es eine RWE, die seit Anfang 2009 Großtrafos bei Envio anliefert und bei der die Stadt Dortmund Großaktionär ist. Und da gibt es die Georgsmarienhütte Holding, die durch zwei Nachbarn von Envio, RRD und Hittmeyer, beide Töchter der GMH und auch stark mit PCB belastet, recyceltes Metall von Envio für die Stahlerzeugung kaufte.
Sowohl RWE als auch GMH werden von der selben Person geführt bzw. besessen - Jürgen Großmann. Und ein gewisser Harald Schartau, Ex-IG-Metall-Ikone in Dortmund und Ex-Wirtschaftsminister unter Clement und Steinbrück, sitzt bei GMH als Personalboss in der Geschäftsführung.
Viel Fantasie braucht man jetzt nicht mehr, um auch diese Seilschaften zu hinterfragen.
14:10
@4
Also vorsätzlicher Totschlag, wobei der Schlag schon ausgeführt wurde und der Tot noch auf sich warten lässt.
Ich finde da kommt Grausamkeit aus niederen Beweggründen noch dazu.
Motiv? Geld um jeden Preis.
13:48
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13:46
Diegel muß als Verantwortlicher s o f o r t zurücktreten !