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Einkauf am Rande des Aufschwungs

24.06.2011 | 18:14 Uhr
Einkauf am Rande des Aufschwungs
Auch in Südwestfalen steigt die Zahl der Menschen, die Tafeln in Anspruch nehmen.

Hagen/Warstein.Der wirtschaftliche Aufschwung geht auch in Südwestfalen an Teilen der Gesellschaft vorbei. Das können die 17 Tafeln in der Region bestätigen. Sie verzeichnen steigenden Zulauf.

„Ja, das ist so“, sagt Carola Bahrenberg, Vorsitzende der Warsteiner Tafel, und kommt bei der Ursachenforschung für die stetig wachsende Nachfrage nach kostenlosen oder stark verbilligten Lebensmitteln auf die gestiegene Zahl an sogenannten Aufstockern zu sprechen. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutsche Tafel, der gestern und heute sein Bundestreffen in Kassel abhält, sind es derzeit 1,4 Millionen Berufstätige, die aufgrund stark geschrumpfter Einkünfte zusätzlich auf Staatshilfe (Hartz IV, Arbeitslosengeld 2) zurückgreifen müssen, um überhaupt ihr Existenzminimum zu sichern. „Diese Menschen merken im Alltag, dass ihr Geld einfach nicht reicht“, so Carola Bahrenberg.

Derzeit seien es „Bedürftige, wir sprechen lieber von Berechtigten“ aus etwa 100 Haushalten, die ein Mal in der Woche in der Warsteiner Tafel („Wir sind eine kleine Tafel“) Lebensmittel abholen. Darüber hinaus schickten immer häufiger soziale Einrichtungen Menschen über die Woche verteilt in das Geschäftslokal in der Rangestraße.

Für den gesamten Einkauf müssen Berechtigte 1 Euro zahlen - wenn sie es denn können: „Häufig erlassen wir Menschen die Zahlung. Menschen, von denen wir wissen, dass schon ein Euro zu viel ist“, sagt Carola Bahrenberg. Andere kämen bisweilen mit einem 20- oder 50-Cent-Stück zur Tafel. Um zumindest einen Teil erstatten zu können.

Die fleißigen Helfer der Warsteiner Tafel sammeln sechs Tage in der Woche Lebensmittel bei Supermärkten, Bäckereien und Wochenmärken. „Lebensmittel, die noch in Ordnung sind, aber nicht mehr dem Lebensmittelkreislauf zugeführt werden können - weil sie z.B. kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums sind“, betont die Vorsitzende der Tafel. Was die Macher in den vergangenen Monaten zunehmend bemerken, ist die steigende Hilfsbereitschaft seitens der Bevölkerung: „Es kommen durchaus Mitbürger mit einem vollen Einkaufswagen zu uns.“

Was den Warsteiner Helfern ebenfalls auffällt, ist die gestiegene Zahl an Senioren, die an der Lebensmittel-Ausgabe auftauchen. „Hier spiegelt sich die normale demografische Entwicklung (immer mehr Menschen im Rentenalter) wider “, sagt Carola Bahrenberg. „Damit steigt aber auch die Zahl derer, die im Alter mit sehr wenig Geld auskommen müssen.“

„Es hat sich in Warstein herumgesprochen, dass die Tafel eine seriöse Einrichtung ist“, sagt die Vorsitzende. Und doch: Insbesondere bei Senioren sei die Hemmschwelle für einen Besuch in der Tafel nach wie vor sehr hoch. Viele Ältere schämten sich, darauf hat der Bundesverband der Tafel dieser Tage noch einmal hingewiesen, die Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Fachkreisen wird von versteckter Armut gesprochen, in der immer mehr Rentner leben.

Also sprießen auch in Südwestfalen die Tafeln fast wie Pilze aus dem Boden. Neben den bereits bestehenden in Arnsberg, Attendorn, Bad Berleburg-Erndtebrück, Burbach, Hagen, Iserlohn, Lippstadt, Lüdenscheid, Meinerzhagen, Meschede, Neunkirchen, Plettenberg, Schalksmühle, Siegen, Soest, Warstein und Werl wird als nächstes eine Tafel in Rüthen hinzu kommen - nicht weit entfernt von Warstein. Carola Bahrenberg: „Noch vor einigen Jahren gab es so etwas wie einen Ehrenkodex, eine räumliche Grenze. Dass es eine Mindestentfernung von Tafel zu Tafel geben muss. Das geht heute nicht mehr.“

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel, Gerd Häuser, hat die Politik ermahnt, „Hilfebedürftigen ­jeden Alters ein menschenwürdiges Auskommen zu ermöglichen“. Tafeln dürften nur eine zusätzliche Hilfe bleiben. Carola Bahrenberg aus Warstein sieht das ähnlich: „Wir dürfen dem Staat nicht das Signal geben: ,Wir machen das schon’.“

Rolf Hansmann

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