Eine Übergangsstrategie für Afghanistan
02.12.2009 | 18:37 Uhr 2009-12-02T18:37:00+0100Washington/Brüssel. Niemals zuvor in Barack Obamas junger Amtszeit war die Einsamkeit des höchsten Staatsamts so deutlich zu spüren.
Als der US-Präsident am Dienstagabend in der Militärakademie West Point ans Rednerpult trat, lagen Monate der Beratung über den Fortgang des unpopulären Einsatzes in Afghanistan hinter ihm. Die Entscheidung über die Neuausrichtung hatte Obama ganz alleine zu treffen, und er verkündete sie in dem Wissen, dass den meisten Wählern längst der Glaube an den Sinn dieses Kriegs abhanden gekommen ist. Der Präsident gab sich entschlossen, den Zweiflern zu trotzen und einen Erfolg zu erzwingen.
Eskalation mit Verfallsdatum
Der Präsident war nach West Point gekommen, um seine neue Strategie für Afghanistan vorzustellen. „Als Oberkommandierender schulde ich Ihnen eine Mission, die klar definiert und Ihres Einsatzes würdig ist”, sagte er vor den Kadetten. Obamas Strategie fußt auf einem riskanten Fundament, dessen Tragfähigkeit noch nicht getestet wurde. Anfang 2010 will er rund 30 000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan schicken. Die US-Truppe am Hindukusch wird dann auf etwa 100 000 Soldaten anschwellen. Neu ist, dass die militärische Eskalation mit Verfallsdatum versehen ist, denn schon im Juli 2011 soll der Abzug beginnen. Den verstärkten Truppen bleiben also nur 18 Monate, um einen Einsatz zu retten, der seit acht Jahren nicht zum Erfolg führte. „Unser Truppenengagement in Afghanistan kann nicht endlos dauern”, sagte Obama.
Mit der massiven Ausweitung des amerikanischen Militär-Einsatzes in Afghanistan kommen nun auch die Nato-Verbündeten unter Druck, ihrerseits mehr zu tun. Die Zusagen liegen in der Summe indes vorerst unter den von Washington erhofften 10 000 zusätzlichen Soldaten und Ausbildern.
Wenige Stunden nach der Strategie-Rede des US-Präsidenten Barack Obama versuchte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen dennoch zu vermitteln, die Botschaft sei in der gesamten Allianz angekommen und werde dort für neue Dynamik sorgen: „Diese Woche stellt den Beginn einer neuen Etappe dar.“
Das Thema Afghanistan steht im Mittelpunkt der Herbsttagung der Nato-Außenminister heute und morgen. Diplomaten rechnen allerdings noch nicht mit definitiven Folgerungen aus der Vorlage der Amerikaner. Rasmussen war in den letzten Tagen und Wochen, während Obama und sein Stab die neue Strategie austüftelten, in den Hauptstädten des Bündnisses unterwegs gewesen, um für verstärktes Engagement zu trommeln. Er rechne für das kommende Jahr mit der Entsendung von „mindestens 5000 zusätzlichen Soldaten“ auf Seiten der Verbündeten Washingtons, sagte der frühere dänische Premier. Derzeit stellen diese rund 38 000 Mann der insgesamt 110 000 Mann starken Einsatzkräfte.
Die Nato-Militärs sollen Anfang kommender Woche ihren Bedarf genauer beziffern. Die große Heerschau ist dann für Ende Januar geplant, wenn sich die Nato-Staaten mit den 15 anderen Ländern, die am Afghanistan–Einsatz beteiligt sind, in London treffen. Bisher haben die Briten zusätzlicher 500 Soldaten in Aussicht gestellt, Polen 600, die Slowaken 250, die Türken 800 und Georgien 900. Die Bundesregierung hält sich zurück.
Obama will das US-Kontingent um 30 000 Mann aufstocken. Vom übernächsten Jahr an soll die Truppenstärke dann Schritt für Schritt abgebaut werden. Von einer „Exit-Strategie“ könne aber nicht die Rede sein, meinte Rasmussen. Es handle sich vielmehr um eine „Übergangsstrategie“, bei der immer mehr Verantwortung in die Hände der Afghanen selbst gelegt werde. 2010 könne das nach seiner Einschätzung schon in zehn bis 15 Bezirken vollzogen werden, vorausgesetzt, die afghanischen Sicherheitskräfte seien der Aufgabe gewachsen. „Wir bleiben solange, bis die Arbeit erledigt ist“, sagte Rasmussen. (rd/afp)

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