Ein Tor so schön wie ein Gemälde
12.10.2009 | 07:00 Uhr 2009-10-12T07:00:00+0200
Moskau. Notausgang links, weist das Schild in den Katakomben des Luschniki-Stadions aus. Darunter, in fahlem Licht, steht Oliver Bierhoff, ein Lächeln auf den Lippen.
„Very disciplined and very organised", analysierte er vor der internationalen Presse, sei das Spiel der deutschen Elf gewesen. Auf Englisch klang das noch mehr nach dem großen Coup. Und irgendwie war es das ja auch. Verlieren verboten, lautete das Motto für die heikle Mission Moskau.
Durch den prunkvollen Hauptausgang
Eine Niederlage gegen Russland und die Qualifikation für die Fußball-WM 2010 in Südafrika wäre in Gefahr gewesen. Relegation hätte wie 2001 der Notausgang geheißen. Doch die Bühne Luschniki-Stadion verließen die Deutschen nach dem 1:0 über Russland durch den prunkvollen Hauptausgang. Weil sie das von Nationalmannschafts-Manager Bierhoff diagnostizierte Maß an Disziplin und Organisation an den Tag legten. Aber da war noch etwas, auf das Russlands Trainer Guus Hiddink größten Wert legte.
Alleinstellungsmerkmal "Durchschlagskraft"
Er wollte seiner Mannschaft nicht den Hauch eines Vorwurfs machen. Sie habe guten Fußball gespielt und alles gegeben, befand der Holländer in seiner wortreichen Analyse auf Englisch, in der er plötzlich und unvermittelt - wie schon nach dem Hinspiel in Dortmund - das Wort Durchschlagskraft verwendete. Nicht, weil dem vielsprachigen Trainer gerade kein anderes eingefallen war oder er sich einen Spaß erlauben wollte. Sondern gezielt, weil es für ihn etwas ausdrückt, was offenbar keine andere Sprache kann. Durchschlagskraft - ein deutsches Wort für ein deutsches Alleinstellungsmerkmal.
Bald Status der höheren Gewalt
Was nach Fußball-Stehsatz klingt, ist in diesem Fall pure Bewunderung. Wann immer es eng wird, wann immer wichtige Spiele anstehen, ist die deutsche Mannschaft wenn schon nicht zu großem, dann doch zumindest zu erfolgreichem Fußball fähig. Nie hat Deutschland seit 1954 eine WM verpasst, nie ein WM-Qualifikationsspiel auswärts verloren. Dabei blieb es.
Deutsche Siege in solchen Momenten haben nun bald den Status der höheren Gewalt erreicht: den Ausgang verhindern zu wollen, ist, als kämpfte man mit Fächern gegen aufziehenden Sturm an. Aussichtslos - das Kollektiv Deutschland zog wirkungsvoll über das eisige Moskau hinweg - trotz aller vermuteten Unpässlichkeiten.
Mesut Özil virtuos
Der Kunstrasen, das Tempo der Russen, die Drucksituation, dazu die Bundesliga-Flaute der nominierten Stürmer. Und dann? Dann nahm sich der virtuose Mesut Özil den Ball, passte ihn auf Lukas Podolski, erhielt ihn millimetergenau zurück, legte ihn quer zu Miroslav Klose. Ein Tor so schön wie ein Gemälde. „Die Deutschen”, sagte Guus Hiddink hinterher, „machen aus einer halben Chance ein Tor. Wir machen aus vielen Chancen kein Tor.” Es fehle an der Durchschlagskraft.
Bemerkenswerte Szenen
Ein überragender Torwart Rene Adler, ein bisschen Glück (nach Friedrichs Foul an Arschawin hätte es Elfmeter geben müssen) und ein Höchstmaß an Effektivität sicherten den wichtigen Auswärtssieg, in dessen Anschluss sich bemerkenswerte Szenen abspielten. Michael Ballack griff sich Bastian Schweinsteiger für eine innige Umarmung, Miroslav Klose hüpfte Arne Friedrich auf die Arme, der Rest tollte wie eine Horde Achtjähriger.
"Wir sind glücklich"
Im verbalen Nachgang hatte sich die große Emotion aber schon verflüchtigt, als hätten nie ernstliche Zweifel bestanden. „Wir sind glücklich, das Ticket gelöst zu haben. Jeder einzelne hat heute wenig Fehler gemacht”, stellte Ballack zufrieden fest. Bundestrainer Joachim Löw verharrte nach dem Abpfiff noch einige Momente auf der Trainerbank, kehrte in sich. Während die prominente europäische Konkurrenz schon auf dem Weg zum Turnier zu scheitern droht, navigierte der Bundestrainer das Team in überzeugender und souveräner Manier durch die Unwägbarkeiten der Qualifikation.
Schnurstracks nach Südafrika
„Es ist klar, dass manche Entscheidungen nicht jedem gefallen”, sagte Löw im Hinblick auf die Nichtnominierung des Leverkuseners Stefan Kießling und den schrittweise vollzogenen Verzicht auf den Bremer Torsten Frings, „aber der Erfolg gibt uns Recht. Wir sind auf einem guten Weg.” Und der führt schnurstracks nach Südafrika.

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