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Abschied von Robert Enke

Ein Fußball-Stadion voller Tränen

16.11.2009 | 12:50 Uhr
Ein Fußball-Stadion voller Tränen

In einer bewegenden Trauerfeier haben am Sonntag rund 40.000 Menschen im Hannoveraner Stadion Abschied von Nationaltorhüter Robert Enke genommen.

In einem solchen Moment sind Tränen nur schwer zurückzuhalten. 40 000 Menschen erheben sich von ihren Plätzen im Hannoveraner Stadion, halten Fanschals oder Trikots in die Luft - und aus den Lautsprechern erklingen die ersten Töne des Liedes „The Rose” von LeAnn Rimes.

Vom Mittelkreis aus, getragen von sechs Vereinskameraden, beginnt Robert Enkes letzte Reise im schlichten Holzsarg. Wie oft führte der Torwart als Mannschaftskapitän die Fußballer von Hannover 96 genau auf diesem Weg in eine Partie der Bundesliga? Raus aus dem Stadionbauch, an der Mittellinie entlang zum Anstoßkreis. Enke als Galionsfigur seines Klubs, Enke als Hannover 96.

Spieler von Hannover 96 tragen den Sarg des am Dienstag (10.11.09) verstorbenen Nationaltorwarts Robert Enke an dessen Witwe Teresa Enke und anderen Trauergästen vorbei. Foto: ddp

Nach dem Suizid des unter schweren Depressionen leidenden Nationaltorwartes verharrt die niedersächsische Landeshauptstadt in einer Art Schockstarre. Auch an diesem Sonntag. Exakt eine Woche nach dem Heimspiel gegen den Hamburger SV, Robert Enkes letztem Auftritt im 96-Trikot. Nun liegen seine sterblichen Überreste aufgebahrt in einem Holzsarg im Mittelkreis, umgeben von Kränzen, ein weißes Herz aus Blumen zu Füßen.

Kerzenmeer

Und ruhig ist es am frühen Morgen vor dem Stadion, auf dessen Vorplatz das Kerzenmeer unglaubliche Dimensionen erreicht hat. Dunkel gekleidet strömen die Massen bereits Stunden vor dem Beginn der größten Trauerfeier für einen deutschen Sportler in die Arena. Den Vereinsschal als Sympathiebekundung, Trikots blitzen nur hier und da unter den grauen Jacken hervor. Lieder? Sprechchöre? Danach ist niemandem zu Mute.

Wo sonst die Trainerbänke stehen und Tore leidenschaftlich bejubelt werden, befinden sich zwei in schwarz gehaltene, bestuhlte Podeste. Auf dem einem nehmen Ehrengäste wie DFB-Präsident Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer, Steffi Jones oder Ministerpräsident Christian Wulff Platz, auf dem anderen sitzt Enkes trauernde Familie mit den Angehörigen und engsten Freunden. Viele weitere Gäste aus Fußball, Politik und Gesellschaft finden sich auf der Ehrentribüne ein.

Emotionaler Moment

Wie sehr ihr die vergangenen Tage zugesetzt haben, ist Witwe Teresa Enke selbst von weitem anzusehen. Anders als noch am Mittwoch bei der Pressekonferenz, in deren Rahmen sie mutig und offen über die Krankheit ihres Mannes sprach, muss sie von einer Freundin gestützt werden, als sie eine Stunde vor dem offiziellen Beginn der Trauerfeier unter dem Applaus der bereits anwesenden Gäste zum Sarg geht. Es ist der erste von vielen sehr emotionalen Momenten.

Der Team-Manager der deutschen Fussball-Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff (v.l.), Bundestrainer Joachim Löw und der fruehere Bundestrainer Juergen Klinsmann stehen vor dem aufgebahrten Sarg. Foto: ddp

Ein weiterer folgt, als die Nationalmannschaft samt Trainerstab und Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes sowie der Deutschen Fußball-Liga auf den Rasen tritt. Angeführt von Kapitän Michael Ballack und Per Mertesacker, die einen Kranz zum Mittelkreis tragen, nimmt sie Abschied von ihrem Torwart. Neben Trainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff verweilt mit Jürgen Klinsmann ein weiterer Weggefährte von Robert Enke kurz am Sarg.

Zwanziger appelliert

„Jungs, ich bin stolz auf euch”, sagt Präsident Zwanziger später in seiner Rede zum nachdenklichen Verhalten der deutschen Elite-Fußballer in den zurückliegenden Tagen. Zuvor kommen große Emotionen auf, als eine 17-jährige Schülerin von zwei Gitarrenspielern begleitet die Vereinshymne „96, alte Liebe” singt. Ergriffen recken Fans ihre Schals in die Höhe, Tränen rollen. Zwanziger appelliert eindringlich: „Fußball ist nicht alles. Fußball darf nicht alles sein.” Er fordert aufzustehen gegen „das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger”. Ministerpräsident Christian Wulff sagt: „Wir brauchen keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten.” Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil ergänzt: „Wer seine Angst zeigt ist nicht schwach, der ist stark.”

Robert Enke verschloss sich und wusste keinen anderen Ausweg mehr, als sein Leben nach 32 Jahren zu beenden. Auf dem Weg, auf dem er sonst die Mannschaft ins Stadion führte, tragen ihn Altin Lala, Jiri Steiner, Arnold Bruggink, Hanno Balitsch, Steven Cherundolo und Mannschaftsbetreuer Thomas Westphal teilweise weinend aus der Arena.

"You'll never walk alone"

Während draußen der Leichenwagen zur Beisetzung in Enkes Wohnort Empede aufbricht, kommen drinnen leise Töne aus dem Lautsprecher: „You'll never walk alone”, das Fußball-Lied schlechthin, nur mit Gitarrenbegleitung gesungen. Gänsehaut-Atmosphäre, wie so oft an diesem traurigen Sonntagmorgen.

Falk Blesken

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