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Die Opfer wagen sich hervor

10.03.2010 | 17:56 Uhr
Die Opfer wagen sich hervor

Hagen. Täglich werden es mehr. Die Zahl der mutmaßlichen Missbrauchfälle steigt - nicht nur in kirchlichen Einrichtungen. Auch in Südwestfalen kommen bisher unbekannte Fälle ans Licht - und alte in Erinnerung.

Wie lange er da im Dunkeln stand? Heute kann er es nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber damals kam es ihm wie eine ganze Nacht vor. Er hatte abends im Schlafsaal gequatscht. Zur Strafe war er nur im Hemd und mit nackten Füßen von den Ordensschwestern im finstren Keller eingesperrt worden. An den Lichtschalter reichte er mit seinen kurzen Ärmchen nicht heran.

Geprügelt und gedemütigt

50 Jahre ist das bald her. Nur wenige Wochen war Wolfgang Huste damals im Kinderheim Olsberg. Doch die kurze Zeit beschäftigt ihn bis heute. Denn er hat erlebt, wie andere Kinder geprügelt und gedemütigt wurden. Jetzt, nachdem Misshandlung und Missbrauch täglich in den Schlagzeilen sind, will auch Wolfgang Huste offen über die Vergangenheit sprechen.

Wie viele andere. Auch in Südwestfalen hat es immer schon Fälle von Missbrauch und Misshandlungen gegeben, wie sich nun viele Redakteure unserer Zeitung wieder erinnern. In Hohenlimburg zum Beispiel beichtete ein Vikar vor 15 Jahren der Zeitung, wie er sich mit Jugendlichen eingelassen hatte. Und in Brilon entdeckte man vor wenigen Jahren Kinderpornografie auf dem Computer eines Kirchenbediensteten. Doch damals haben diese Fälle keine solche Welle weiterer Veröffentlichungen nach sich gezogen.

Von Schwestern missbraucht?

Heute, nachdem die Vorfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden sind, wagen es viele Opfer zu sprechen. Wie zum Beispiel der 60-Jährige aus dem Münsterland. Als Zweijähriger ist er in der so genannten Krüppelanstalt Volmarstein verbrüht und geschlagen worden war - offenbar, weil er nicht essen wollte. „Prügelexzesse” hat es offenbar auch am - heute längst geschlossenen - Leo-Waisenhaus in Soest gegeben, berichtet Monika Tschapek-Güntner. Die Verletzungen, die die Kinder dabei zugefügt bekamen, wurden nicht einmal von einem Arzt versorgt, sodass eines der Opfer noch heute humpelt.

Monika Tschapek-Güntner weiß viele solcher Geschichten zu erzählen. Sie ist die erste Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder. Täglich klingelt derzeit bei ihr das Telefon. „Viele trauen sich nun heraus”, erzählt sie. Darunter ihr Vereinskollege Dirk Friedrich. Seit 2004 besteht der Verein ehemaliger Heimkinder. Erst jetzt hat Friedrich auch außerhalb des Vereins über seine Zeit im Hedwig-Kinderheim in Lippstadt gesprochen. Darüber, dass auch er dort Opfer sexueller Übergriffe geworden sei. „Auch Schwestern haben sich an den Kindern vergangen”, betont Monika Tschapek-Güntner.

70 Prozent betroffen

Wie im Übrigen ebenso die Erzieher in staatlichen Heimen, erzählt Wolfgang Marquardt. Heute lebt er im Sauerland. Groß geworden ist er in verschiedenen Heimen in Norddeutschland. Wer sich damals im Schlafsaal unterhielt, der musste sich nackt ausziehen und so zwei Stunden lang in die Dusche stellen, während eine Erzieherin daneben saß - und las. „Ist das etwa kein Missbrauch?”, fragt Marquardt heute.

450 Mitglieder hat der Verein ehemaliger Heimkinder mittlerweile. „70 Prozent davon sind auch sexuell missbraucht worden”, sagt Monika Tschapek-Güntner. Sie vermutet, dass in nächster Zeit noch viele weitere Fälle bekannt werden.

Dagegen hat man beim Erzbistum in Paderborn keine Hinweise auf weitere Missbrauchsfälle, wie Pressesprecher Ägidius Engel erklärt. Von Demütigungen im Olsberger Kinderheim hat man weder bei der Caritas, noch bei der Jugendhilfe im Ort jemals etwas gehört. Nun will man den Vorwürfen nachgehen. Keine Belege hat man zudem für sexuelle Übergriffe im Lippstädter Hedwig-Kinderheim, wie Theo Breul von der Caritas erklärt. Jedenfalls begrüßt man im Bistum den „positiven Tabubruch” durch die Jesuiten am Canisius-Kolleg. „Nun wird offen geredet”, sagt Engel.

Nina Grunsky

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Kommentare
03.03.2011
15:11
Die Opfer wagen sich hervor
von kai865100 | #1

Von Demütigungen im Olsberger Kinderheim hat man weder bei der Caritas, noch bei der Jugendhilfe im Ort jemals etwas gehört.????????

auch ich war dort untergebracht und was ich dort erleben musste,kann man nicht in worte fassen!

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