Die Brücke und der Nussröster
23.07.2010 | 17:28 Uhr 2010-07-23T17:28:00+0200
Hagen.Man kann nicht gerade von einer prächtigen Aussicht sprechen, wahrlich nicht. 40 000 Autos fahren am Tag über die Brücke, ihre Abgase schweben unsichtbar auf die beiden Balkone von Ahmet Sirganci und steigen ihm in die Nase, wenn er dort sitzt und seinen Abendtee trinkt.
Ruß und Staub lagern sich im Türrahmen, auf den Fensterbänken und auf dem Tischchen mit der Herdplatte ab. „Ich muss die Balkone täglich sauber machen“, sagt Hatice Sirganci (45), die Frau des Nussrösters. „Und die Fenster putze ich einmal wöchentlich. Es ist schmutzig hier.“
Und laut ist es. 40 000 Autos verpesten die Luft nicht nur mit ihren Abgasen, sondern auch mit ihrem Motorenlärm. An den letzten zwei Abenden jedoch senkte sich himmlischer Frieden über die Balkone von Ahmet und Hatice Sirganci. Die Altenhagener Brücke wurde für den Verkehr gesperrt, es ist Local-Hero-Woche in Hagen, sieben Tage lang liegt hier das Epizentrum der Kulturhauptstadt Ruhr.2010, und die Brücke ist gesperrt, weil Kulturveranstaltungen und Partys auf der Fahrbahn stattfinden. Statt 40 000 Autos null Autos.
Ja, es ist laut im Leben von Ahmet Sirganci. Seine Nussrösterei liegt schräg gegenüber der Wohnung an einer der meistbefahrenen Kreuzungen der Stadt. „Mindestens einmal pro Woche scheppert es hier“, sagt er. „Ich habe schon einen Motorradfahrer durch die Luft fliegen sehen.“ Es ist laut und international. Viele Türken wohnen hier, Türken wie Ahmet Sirganci, der in Giresun am Schwarzen Meer aufgewachsen ist, und dazu Araber, Schwarzafrikaner, Südeuropäer, Russen und Deutsche. Die Nussrösterei Sirganci ist eine Art Spiegel dieses Völkergemischs, es gibt Paranusskerne aus Bolivien, Cashewkerne aus Vietnam, Pistazien aus Südanatolien, Gewürzmais aus Spanien und Erdnüsse aus China. „Ich röste die Nüsse selber“, sagt Sirganci, der manchmal Heimweh nach den Ufern des Schwarzen Meers verspürt. „Ich sage immer: Wir Türken haben zwei Länder, Deutschland und die Türkei. Die Deutschen haben nur ein Land, sie bleiben ja immer hier.“
Wie alle Auswanderer wünscht sich Ahmet Sirganci, dass es seine Kinder einst besser haben als er. Dafür hat er 30 Jahre lang hart gearbeitet, erst in einer Fabrik, dann als Batterie- und Kabelhändler auf dem Flohmarkt, seit sechs Jahren als Nussröster. Die Mädchen könnten doch später in der Türkei studieren, überlegt er, an der Universität von Ankara, das liege nicht zu weit weg vom Schwarzen Meer. Die Kinder wachsen zweisprachig auf, sie sollen nicht Nussröster werden. Die Geschäfte gehen nicht gut zurzeit, sagt Sirganci, und überhaupt: „Die D-Mark-Zeit war die beste Zeit.“
Die Luft ist stickig auf dem Gehsteig vor der Nussrösterei, die Hitze staut sich zwischen den kleinen Läden, den Bars und Spielotheken. Am Abend geht Ahmet Sirganci hinauf zu seiner Wohnung im fünften Stock, er setzt sich auf den Südbalkon, seine Frau bringt ihm eine Tasse Tee. Er beobachtet die vielen Menschen auf der Brücke, er wird nicht hingehen und mitfeiern, er lehnt sich über die Brüstung, er kann die Lichtinstallationen sehen, die das Wort Brücke in vielen Sprachen auf die Brücke werfen. Die Kunst soll die Multikultur der Stadt widerspiegeln wie es seine Nussrösterei tut.
In dieser Woche hat Ahmet Sirganci einen Logenplatz

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