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Der Wettskandal: Wenn um halb sechs das Telefon klingelt...

27.11.2009 | 13:14 Uhr

Lippstadt/Siegen. Um halb sechs klingelt sein Telefon. Kai Hartelt ist als Geschäftsführer einer Werbeagentur einiges gewohnt, aber so früh? Und es geht nicht um etwas Berufliches. Es geht um Fußball, um den Wettskandal, um den Westfalenligisten SV Lippstadt 08, dessen Vize-Präsident Hartelt ist.

Seit Anfang der Woche hofft Hartelt, dass die Funken des internationalen Wettskandals aus dem knapp 30 Kilometer entfernten Verl nicht herüberspringen, obwohl einer der Drahtzieher, ein 34-jähriger Geschäftsmann, bereits in Lippstadt verhaftet wurde. Und seine Gebete werden erhört - bis zum Donnerstagmorgen. Medienberichte schockieren das Umfeld und lassen in München Hartelts Telefon ständig bimmeln. Parallel zu wichtigen Power-Point-Präsentationen muss der SV 08-Vize nun Rede und Antwort stehen, auch wenn er eigentlich völlig im Dunkeln tappt und ebenso ahnungslos ist wie viele andere.

Lippstadt und Siegen

Fußballer Patrick Neumann, beim Regionalligisten SC Verl suspendiert und angeblich geständig, was seine Beteiligung an Manipulationen von zwei Spielen betrifft, habe seine Mitspieler damit gelockt, dass der Betrug kinderleicht sei, auch schon bei den Ex-Klubs in Lippstadt und Siegen funktionierte, heißt es. Lippstadt und Siegen. Im Jahr 2003 wechselte der mittlerweile 28-Jährige vom SV 08 zu den Sportfreunden, ehe er drei Jahre später zurückging und es ihn 2008 zum SC Verl zog.

Antrag auf Akteneinsicht

„Bislang ist ja nichts bestätigt”, erklärt Kai Hartelt mit Blick auf eventuell manipulierte Lippstädter Spiele, „aber wir sind an einer lückenlosen Aufklärung interessiert und haben deshalb unseren Rechtsbeistand gebeten, bei der Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Akteneinsicht zu stellen”, sagt er. In der Saison 2007/08 verpasste sein Klub hauchdünn die Qualifikation zur neu geschaffenen NRW-Liga, weil am letzten Spieltag der eine noch benötigte Punkt gegen die SF Oestrich nicht geholt wurde. Außerdem scheiterte Lippstadt nur knapp am Einzug in die Hauptrunde des DFB-Pokals.

Es gilt die Unschuldsvermutung

„Ich kann die Äußerung nicht nachvollziehen. Ich weiß von nichts”, kommentiert Rolf Bleck, ehemaliger Manager der SF Siegen: „Wir sind aufgestiegen ohne irgendwelche krummen Dinge.” Bleck sagt über Neumann: „Er war jemand, auf den man sich verlassen konnte. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.” Hartelt indes hält fest: „Wenn sich ein Betrug bestätigt, werden wir alle juristischen Mittel ausschöpfen.” Daran ändere auch nichts, „dass man sich mit Schadenersatzansprüchen vermutlich die Wände tapezieren kann”.

Man lässt einiges Revue passieren

„Man lässt jetzt einiges Revue passieren und es wäre ziemlich widerlich, wenn irgendwelche Spiele manipuliert gewesen sind”, erzählt Werner Schröder, der in dieser Spielzeit sportlicher Leiter des SV 08 war, viele Gespräche mit Neumann führte und seinen Vertrag verlängern wollte.

Gemeinsam mit Torwart Milos Mandic, der in Freienohl wohnt, ging Neumann aber auf Grund der besseren sportlichen Perspektive zum Regionalligisten SC Verl, der ihn und seinen Mannschaftskameraden Tim Hagedorn auch aufgrund von Aussagen von Mitspielern, deren Namen aus Angst vor Repressalien der Wettmafia nicht genannt werden, suspendierte. Involviert in den Skandal um die Spiele gegen Borussia Mönchengladbach II (4:3) und den 1. FC Köln II (0:1) soll der Ex-Verler Cosmin Uilacan sein, der zum bayerischen Bezirksoberligisten BC Aichach gewechselt ist.

Auch Fortuna Düsseldorf II betroffen

Auch Ligakonkurrent Fortuna Düsseldorf II wurde Donnerstag in den Skandal hineingezogen. Nach Vereinsangaben wurden die Spieler Ben Abelski und Maximilian Schulze Niehues von der Polizei zum Verhör abgeholt. Beide bestritten aber in schriftlichen Erklärungen ihre Beteiligung an Manipulationen.

Einbruch ins Verler Vereinsheim

„Wir waren alle geschockt”, sagt Verls Torwart Milos Mandic rückblickend. Er schaut aber auch nach vorne, auf die Partie am kommenden Sonntag (14 Uhr) gegen den Bonner SC: „Wir müssen diese Angelegenheit schnell verarbeiten.”Donnerstag allerdings gab es erneut Aufregung in Verl, als ein nächtlicher Einbruch in das Vereinsheim bekannt wurde. „Wir kennen wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs”, sagt Kai Hartelt. Sein Telefon wird noch häufig schellen.

Falk Blesken/Werner Leemreize

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