Der Nachholbedarf ist groß in der Bundesliga
13.11.2009 | 18:02 Uhr 2009-11-13T18:02:00+0100Hannover. Sein Gesicht ist gezeichnet. Von der Trauer um seinen Torwart Robert Enke einerseits. Nach den langen, belastenden Stunden des Zauderns und Nachdenkens aber auch von der Wut über sich selbst. „Man fragt sich schon: Bist du blind?”, sagt Jörg Schmadtke, Sportdirektor von Hannover 96.
Tagtäglich arbeitet er seit seinem Amtsantritt im Sommer dieses Jahres mit Enke zusammen. Man scheint sich vertraut. Unter anderen Umständen würde die offizielle Lesart heißen: Wir haben ein super Verhältnis. Wie es in der Fußball-Bundesliga fast überall der Fall ist zwischen Spielern und Verantwortlichen. Und doch plagen den 45-Jährigen nun Selbstzweifel, er wirft sich vor, eventuell irgendetwas übersehen zu haben, das auf den Selbstmord des Nationaltorwarts hingedeutet haben könnte.
Schmadtkes größte Bewährungsprobe
Schmadtke sucht zu Beginn seiner größten Bewährungsprobe in diesem Amt nach Antworten oder Erklärungen auf viele Fragen, die Enkes Tat bei allen Beteiligten aufwirft. Spontan findet er keine. Was zwar wenig tröstlich ist, aber das Dilemma in der Bundesliga verdeutlicht: Die Allgemeinheit schweigt peinlich berührt. Sie kann nicht helfen. Bayern-Manager Uli Hoeneß sammelte zwar vor Jahren Erfahrungen im allerdings anders gelagerten Fall des ebenfalls depressiven Sebastian Deisler - mehr aber nicht.
"Ob das so in Ordnung ist?"
„Wir arbeiten mit jungen Menschen. Wir versuchen sie zu begleiten, aber letztendlich sind sie alleine”, sagt Jörg Schmadtke, beugt den Kopf nach vorne, schaut mit traurigen Augen über die auf der Nase leicht nach vorne gerutschte Brille und fragt: „Ob das so in Ordnung ist?” Dass es das eben nicht ist, dämmert allmählich. DFB-Präsident Theo Zwanziger fordert beispielsweise, das Thema Depression zu enttabuisieren. „Der deutsche Fußball muss Antworten finden, warum junge Leistungssportler, die als Idole gelten, in solche Situationen kommen können”, sagt der 64-Jährige. Und: „Wir wollen das Geschehene nicht oberflächlich aufarbeiten.”
Der Nachholbedarf ist groß
Wie groß der Nachholbedarf ist, verdeutlicht ein Blick auf die häufig opulent ausgestatteten Trainerabteilungen der Klubs: Aber ein Psychologe? Fehlanzeige. Josef Schneck, Sprecher von Borussia Dortmund, erklärt: „Im aktuellen Betreuerstab gibt es keinen, allerdings ist unser Mannschaftsarzt jederzeit in der Lage, im Bedarfsfall einen kompetenten Kollegen zur Verfügung zu haben.” Der FC Schalke 04 handelt ähnlich. Von lediglich fünf bis sechs Vereinen ist eine Zusammenarbeit mit einem Psychologen bekannt. 1899 Hoffenheim zählt ebenso dazu wie Bayern München oder der Hamburger SV. „Mentaltrainer” werden die Doktoren genannt, damit an mutigen Spielern, die sich ihnen möglicherweise anvertrauen, nicht sofort der Makel des Verwirrten haftet.
Tore schießen oder nicht
Jörg Schmadtke kennt diese Sichtweise. „Ich weiß, dass es ein paar Psychologen in der Liga gibt”, sagt er, „aber da geht es nur darum, ob Spieler Tore schießen oder nicht.” Tiefer gehende Probleme interessieren weniger. Einige Tage lang nach einem schrecklichen Vorfall wird üblicherweise schwarz oder weiß gemalt. So richtet auch Thomas Schaaf, Trainer von Werder Bremen, einen Appell an seine Jungs: „Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen”, sagt er. Meistens legt sich die Diskussion auf Grund der nächsten Sensation oder Tragödie aber schnell wieder. In Hannover sollen die aufgekommenen Fragen zwar in aller Ruhe, aber doch mit nachhaltigen Folgen beantwortet werden. Aktuell steht der Mannschaft seelischer und geistlicher Beistand zur Verfügung. Erst Montag wird wieder trainiert, womit die Rückkehr zum normalen Alltagsgeschehen eingeläutet werden soll.
Bewusste Täuschung
Ähnlich nachdenklich wie Schmadtke dürfte übrigens Hans-Dieter Hermann sein. Er arbeitete mit Enke bei der Nationalmannschaft und verlässt mit versteinerter Miene am Mittwoch das Teamhotel. Hermann ist Psychologe - und konnte den Freitod auch nicht verhindern, weil Enke ihn während eines Gespräches ebenfalls bewusst täuschte.

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