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Gesundheit

Demenzkranke werden oft falsch gepflegt

09.06.2009 | 17:00 Uhr

Hagen/Witten. Demenzkranke werde oft falsch behandelt und gepflegt. Zu häufig verordnen Ärzte ihnen starke Beruhigungsmittel. Zudem werden Forschungsergebnisse bei der Pflege der Patienten nicht berücksichtigt.

Hier fährt kein Bus: Die Phantomhaltestelle für Demenzkranke - ein Beispiel wie Forschung bei der Pflege hilft. Foto: Ostrowski

So bekommt jeder Dritte Patient von den Ärzten Neuroleptika verschrieben, obwohl diese Mittel zu Lungenentzündungen, Herzinfarkten, Schlaganfällen, letztlich also zum Tod führen können. Das hat nun der Arzneimittelreport 2008 der Gmünder Ersatzkasse ergeben. Je älter die Patienten, je länger krank sie sind, je schwieriger die Pflege wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Beruhigungsmittel bekomen.

Und das, obwohl die Risiken der Medikamente bekannt sind, wie der Bremer Professor Gert Glaeske betont, Hauptautor des Reports. Die Vermutung drängt sich auf, dass Patienten ruhig gestellt werden, bei der Ersatzkasse weist man den Verdacht jedenfalls nicht zurück.

Häppchen für unterwegs

Zudem gibt es zwar „gewaltige Fortschritte in der Forschung zum Umgang mit Demenzerkrankten, aber die kommen am Krankenbett nicht an”, beklagt Detlef Rüsing, Wissenschaftler an der Universität Witten/Herdecke. Ein Beispiel: Noch immer werden Patienten, die den ganzen Tag hin- und herlaufen, zum Essen an den Tisch geführt. Dort aber bleiben sie nicht sitzen. Rüsing fordert herauszufinden, warum ein Patient herumläuft. Hat er Schmerzen oder geht es ihm gut, will er sich bewegen? „Die Frage ist, ob man überhaupt handeln muss”, so der Experte. Oder ob man den Betroffenen einfach seiner Wege gehen lassen kann und ihm, damit er nicht abmagert, statt der Mahlzeit am Tisch Häppchen auf die Hand anbietet.

Weitere Beispiele: Andere Patienten sind nicht mehr in der Lage Altbekanntes einzuordnen - und bleiben daher hungrig vor ihrem Teller sitzen, weil sie Essen und Trinken nicht mehr als solches erkennen. „Sie essen besser, wenn sie ein Gegenüber haben, das auch etwas zu sich nimmt”, rät Detlef Rüsing.

Mehr Licht

Mehr Licht in Räumen nimmt den Demenzpatienten Angst. Schilder helfen ihnen, die Toilette zu finden, selbst wenn sie nicht mehr lesen können. Allerdings dürfen die Symbole nicht zu modern aussehen. „An die Zeit zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr kann man sich am längsten erinnern”, erklärt Rüsing.

Er ist Leiter des Dialog- und Transferzentrums Demenz an der Privatuni Witten/Herdecke, dessen Aufgabe es nun ist, wissenschaftliche Ergebnisse in eine verständliche Sprache zu übersetzen, sodass sowohl Pflegekräfte, aber auch Angehörige sie künftig besser verstehen. Denn viele Forschungsarbeiten sind in englischer Sprache geschrieben oder so verfasst, dass ein Nichtwissenschaftler sie unmöglich lesen kann.

Umgekehrt will Rüsing dazu beitragen, die Erfahrungen, die Pflegekräfte in der Praxis machen, mit der Wissenschaft rückzukoppeln. So haben viele Demenzpatienten Wahnvorstellungen, verwechseln beispielsweise ihre Tochter mit der eigenen Mutter. Noch immer aber gibt es aus der Wissenschaft keine ernst zu nehmenden Forschungen dazu, wie Angehörige und Pfleger damit umgehen sollen: mitspielen oder den Kranken in die Realität holen?

Von Nina Grunsky

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