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Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe

29.06.2009 | 19:06 Uhr

Berlin. Die Große Koalition neigt sich dem Ende zu. Noch eine Parlamentswoche - dann steht dem Wahlkampf nichts mehr im Wege. Vom Lob der Anfangstage ist nicht mehr viel zu spüren. Angela Merkel seufzt: „Mit den Sozialdemokraten ist kein Staat zu machen.” Und Peter Struck spricht gar von "Quälerei".

Das also soll es nun gewesen sein. Noch eine Parlamentswoche, die letzte reguläre der schwarz-roten Legislaturperiode, dann steht dem Wahlkampf nichts mehr im Wege: „Man spürt ja geradezu ein inneres Feuerbrennen, dass es mit dieser Koalition endlich zu Ende ist.” Das sagt zwar die Opposition, hier vertreten durch die Grüne Renate Künast, doch könnte der Satz durchaus auch von irgendeinem Koalitionär stammen.

Von Peter Struck etwa, der kürzlich dröhnte: „Ich habe von der Großen Koalition inzwischen die Nase voll. Ich kann es nicht mehr ertragen”, und das regelmäßige Frühstück der Spitzenkoalitionäre eine „Quälerei” nannte. Derselbe Struck freilich, der im Februar 2006 geschwärmt hatte: „Dies ist tatsächlich eine Große Koalition der neuen Möglichkeiten, der großen Chancen.”

Das Arbeitsverhältnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizeregierungschef Frank-Walter Steinmeier (SPD) war über weite Strecken der Großen Koalition nicht harmonisch. Foto: ddp

Keine Spur mehr vom Anfangslob

Damals, nach den ersten hundert Tagen, war auch die Kanzlerin noch voll des Lobes gewesen. „Wir sind ein echt gutes Team”, ließ Angela Merkel wissen. Zweieinhalb Jahre später hatte sie sich eines anderen besonnen. Da entfuhr ihr der Seufzer: „Mit den Sozialdemokraten ist kein Staat zu machen.”

Eine kurze Flitterwochenphase, gefolgt von Jahren gegenseitigen Verdrusses, das ist die Geschichte der schwarz-roten Zwangsehe. Wobei die Euphorie der ersten Wochen wohl auch der auf beiden Seiten freudigen Überraschung zuzuschreiben war, dass man es bei den jeweils anderen mit Menschen zu tun hatte.

Sinneswandel

Sie hatten sich ja bis dahin 36 Jahre lang, seit dem Ende der ersten Großen Koalition, so erbittert wie unablässig beharkt, bekämpft, als Gefahr für das Land verketzert und zuletzt noch einen recht ruppigen Wahlkampf gegeneinander geführt. Jetzt, als sie im Herbst 2005 über ihr neues Bündnis verhandelten, konnte man gerührt erleben, wie sich die CDU-Chefin Merkel mit großen Augen die Bronzestatue Willy Brandts im Foyer der SPD-Zentrale zeigen ließ. Und wie erstmals eine Sozen-Delegation zaghafte Schritte in die feindliche Festung setzte, das Konrad-Adenauer-Haus.

Die Zurschaustellung großkoalitionärer Harmonie zu Beginn entsprach auch dem Bedürfnis des Publikums, das die politischen Achterbahnfahrten der rot-grünen Periode leid war und es ohnehin am meisten schätzt, wenn sich Parteien friedlich, verträglich allein dem Dienst an der Sache weihen. Indes, das schöne Bild blieb nicht lange intakt, und die Risse wurden schon Anfang 2006 zuerst bei der SPD sichtbar.

Ungleiche Verteilung

Bereits damals zeichnete sich nämlich ab, dass der Profit aus dem Bündnis sich ungleich verteilte. Von Beginn an gingen die Umfragewerte der Union nach oben, während die der SPD abbröckelten, und unter Sozialdemokraten begann es zu grummeln: Die SPD schufte im „Maschinenraum” der Koalition, während die Union es sich auf dem „Sonnendeck” bequem gemacht habe, wurde zur gängigen Klage.

Öfters begleitet von dem hämischen Hinweis, für die Kanzlerin, die sich gerade am Glanz internationaler Auftritte zu freuen lernte, sei die „Zeit der roten Teppiche” bald vorbei, dann werde auch sie sich ins gefahrenträchtige innenpolitische Gemenge begeben müssen. Was Merkel übrigens in all den Jahren weitgehend zu vermeiden wusste.

Bei den Unionisten hielt die gute Laune etwas länger. Im Genuss ihrer Umfragewerte und des Gefühls, endlich wieder Kanzlerpartei zu sein, sahen sie über kleinere Irritationen hinweg, doch irgendwann war auch für sie Schluss mit lustig. Der Zeitpunkt lässt sich ziemlich genau auf die Nacht des 1. Mai 2006 datieren.

Das Ende der guten Laune

Da tagte eine Koalitionsrunde, die das rot-grüne Antidiskriminierungsgesetz ohne wesentliche Änderungen durchwinkte, und an der Basis von CDU und CSU breitete sich Bestürzung aus. Hatte man dieses Gesetz nicht als bürokratische Höllengeburt bekämpft und verwünscht? Geschworen, es nie, nie, nie in Kraft treten zu lassen?

Seither litt auch die Union an Anfällen periodischen Gegrummels, in der Regel dann, wenn sich ihre Umfragewerte denen der SPD annäherten: Über die leidigen Kompromisszwänge, den Verlust an eigenem Profil, die Unverträglichkeit dieser beiden Partner. Die zweite Jahreshälfte 2006 war zudem überschattet vom Krach um die Gesundheitsreform, bei dem unter gegenseitigen Beschimpfungen jede Menge schwarz-rotes Porzellan in Scherben ging.

SPD rutschte immer tiefer in den Keller

Während freilich die Koalitionsskeptiker der Union auf relativ hohem Niveau ihre Malaisen pflegten, nahm das Drama der SPD ungebremst seinen Lauf. Gleich zwei Plagen peinigten sie. Ihr saß die Linke im Nacken, und sie kam nicht ins Reine mit der eigenen früheren Regierungspolitik, der Agenda 2010. Im Bestreben, beiden Übeln abzuhelfen, ließ Parteichef Kurt Beck einen sanften Linksschwenk zu, womit er die SPD auf Kollisionskurs zur Koalition, aber auch zu den eigenen Regierungspolitikern manövrierte. Die Quittung in Zahlen: Im Durchschnitt des Jahres 2006 lag der Umfragewert bei 30 Prozent, 2007 bei rund 29, jetzt um die 25 Prozent.

Das ist die Bilanz der Koalition für die beteiligten Parteien: Beide haben an Substanz eingebüßt, doch die Union behauptet sich mit zehn Punkten Vorsprung. Und die sonstige Bilanz? Sie steht seit dem vorigen Herbst ohnehin im Schatten der Finanz- und Wirtschaftskrise, in der das große Ziel der Koalition zerschellte, bis 2011 die Neuverschuldung auf null zu bringen. Sie hinterlässt statt dessen das schlimmste Finanzschlamassel der Nachkriegszeit. Sie hat es freilich nicht mutwillig, sondern unter Zwang angerichtet.

Im Übrigen hat sie einige imposante Projekte gestemmt, von denen sich in aller Vorsicht und mit einem Höchstmaß an Unvoreingenommenheit bislang nicht mehr sagen lässt, als dass ihre wohltätige Wirkung umstritten ist. Das gilt für den Gesundheitsfonds nicht minder als für die Föderalismusreform und die neuerdings im Grundgesetz verheißene Schuldenbremse.

Auch positive Entwicklungen

Am nachhaltigsten und innovativsten hat die Koalition vielleicht da gewirkt, wo sie davon absah, sich an eigenen Großtaten zu versuchen, sondern es dabei beließ, gesellschaftliche Prozesse anregend und moderierend zu begleiten. Integrationsgipfel und Islamkonferenz wären hier zu nennen, mit denen Migranten und ihre Befindlichkeit erstmals auf höchster politischer Ebene Beachtung fanden.

Was auffällt: Hier waren es, wie übrigens auch in der Familienpolitik, Unionisten, die sich auf gesellschaftliche Realitäten einließen, vor denen ihre Parteien lange die Augen veschlossen hatten. Vielleicht ist das ja die Signatur der schwarz-roten Jahre: Sie waren eine Modernisierungskur für die Union.

Winfried Dolderer

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Kommentare
30.06.2009
18:35
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von Sozialerdemokr | #28

Sehr geehrte Politikerinnen und Politiker von CDU/CSU, FDP, SPD und Grüne! Sie haben die Hartz IV –Gesetze geschaffen und die Rente mit 67. Ich bin 58 Jahre alt, habe noch Arbeit und hoffe, dass dies noch 7 Jahre und 3 Monate so bleibt. Wenn ich aber Pech habe, werde ich zum Hartz IV –Empfänger, obwohl ich lange gearbeitet habe. Vielen aus meiner Generation geht es heute schon so. Sie, meine Damen und Herren, behaupten, dass die Hartz IV Empfänger selber schuld sind und „aktiviert“ werden müssen. Deshalb geben Sie Milliarden aus um Leistungsempfänger zu beschäftigen, wobei sie dann nicht mehr als Arbeitslose gezählt werden. Ein –Euro- Jobber müssen Arbeiten übernehmen, für die vorher Firmen beauftragt wurden. So vernichtet Ihr Arbeitsplätze. Wer die Befehle der Job-Vermittler verweigert, wird „sanktioniert“, auch wenn diese Befehle sinnlos waren. Es mag ja einige wenige geben, die nicht arbeiten wollen. Aber Ihr diffamiert auch alle anderen um Ihre Reformen zu rechtfertigen. Es gibt aber einfach nicht genügend Arbeitsplätze für alle. Viele arbeiten für 5 oder 6 € in der Stunde um von der Zwangsanstalt „Job-Center“ nicht abhängig zu sein. Die „Aufstocker“ lässt man ja meistens in Ruhe. Solange Sie an dieser Politik festhalten, sind Sie für mich nicht wählbar. Ich gehöre auch zu einer Generation, die noch gelernt hat, was Solidarität bedeutet. Ich freue mich nicht darüber, wenn es den Langzeitarbeitslosen schlecht geht. Die Umerziehung durch Eure Medien hat bei mir nicht funktioniert. Einige von Euch behaupten, die Linken seien die Kommunisten, die die DDR zurückhaben wollten. Das glaube ich Euch nicht, davon steht auch nichts im Programm der Linken. Außerdem ist nicht damit zu rechnen, dass die Linke eine Regierungsmehrheit zustande bekommt. Sie kann Euch aber zeigen, dass Sozialabbau sich für Euch nicht auszahlt. Dann behaupten einige von Euch, die Forderungen der Linken seien nicht bezahlbar. Dann entwickelt doch ein besseres Programm, um den Sozialstaat zu erhalten. Außerdem sind Eure Programm auch nicht realistischer. Bessert Euch, vielleicht kann ich eine von Euren Parteien dann wieder wählen.

30.06.2009
16:45
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von Ende der Koalition | #27

Zu #25
Eine kriminelle Vereinigung strafbar - nur nicht in der bürgerlichen Politik !!!

30.06.2009
16:43
Blockierter Kommentar.
von miriam.lessmann | #26

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

30.06.2009
12:38
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von supply | #25

Ist Bandenmäßiger, fortgesetzter Verfassungsbruch nicht strafbar....????

30.06.2009
12:30
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von sozialerdemokrat | #24

Der Ausgang der Wahlen ist noch völlig offen. Auf Umfragen ist kein Verlass, das zeigt die Erfahrung aus 2005, als sich die Institute bei der CDU/CSU um 6 % verrechneten. Der nächste Wahltermin ist der 30. August. Das sind noch zwei Monate. Heute gibt es 7 Bundesländer, die entweder von der CDU allein oder von CDU bzw. CSU und FDP regiert werden. Nach dem 30. August könnten es 5 oder 6 sein. Die Wahlen am 30. August können Signalwirkung für die Bundestagswahlen haben. Wenn die CDU schlecht abschneidet, kann der Glanz von Merkel verblassen. Dann beginnt die heiße Phase des Wahlkampfes. Wir wissen nicht, wie sich bis dahin die Wirtschaft entwickeln wird und wie sich das dann auf das Wählerverhalten auswirken wird. Wichtig ist auch, wie die Wahlkampfstrategien der Parteien ankommen. Die CDU/CSU wird den Fehler von 2005 nicht wiederholen, auf einen radikaleren neo-liberalen Kurs zu setzen. Aber ihr Schwachpunkt ist die Glaubwürdigkeit. In Hessen hat man den moralischen Zeigefinger gegen Ypsilanti eingesetzt. Es ist gut möglich, dass die CDU diese Geister nun nicht mehr los wird. Je mehr sie beteuert, dass sie die Wahrheit sagt, um so stärker legt sie sich für die Zeit nach der Wahl fest. Dass die Linke ein unrealistisches Programm hat, wird als Argument nicht mehr ziehen, weil die Programme von CDU/CSU und FDP genauso unrealistisch sind. Die Fachleute wissen, dass ohne eine Erhöhung der Steuern und Sozialabgaben die Neuverschuldung rasant ansteigen wird. Das kann man nach Keynes auf dem Höhepunkt einer Krise so machen, aber später muss man umsteuern. Merkel, die ja auch in einer großen Koalition Kanzlerin bliebe, würde zur Schuldenkönigin. Schnell wirkende Einsparungen können die Binnenkonjunktur abwürgen. Merkel würde dann die Fehler von Brüning während der ersten Weltwirtschaftskrise wiederholen. Die CDU kann also nicht sagen, wie sie die Krise finanzieren will. Die SPD sagt das zwar auch nicht, sie verspricht aber auch keine großen Steuersenkungen. So werden den Wählerinnen und Wählern blühende Landschaften vorgegaukelt, obwohl ihnen harte Zeiten bevorstehen. Die Frage ist, wie schnell sie dieses Schauspiel durchschauen. Aber selbst wenn sie erst im November merken, was gespielt wurde, wird das für Merkel zum Problem. Im Mai 2010 folgen die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Vielleicht kann Merkel die Probleme bis dahin noch vor sich herschieben, aber 2011 stehen wieder wichtige Wahlen an.

29.06.2009
21:56
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von franzjos | #23

#13 von udo123454321,
Richtig! Mit dieser Rechnung kann man zeigen, wie Angela Merkel das Vermögen den Reichen in die Arme spielt zu ungunsten der Armen.
Die Reichen sind die größten Kreditgeber des Staates und durch das Zinseszinssystem wird den Reichen alles Vermögen zugespielt, ihnen gehört nachher alles. Es geht nicht um Peanuts!
Es findet eine schleichende Umverteilung des Vermögens von unten nach oben statt.
Dies führt letzten Endes dazu, dass der deutsche Michel gar nichts mehr hat.
Und dafür ist Angela Merkel sehr stark verantwortlich und somit nicht mehr wählbar.

29.06.2009
21:40
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von Sozialerdemokrat | #22

Für den 27. September gibt es zwei realistische Konstellationen. A) CDU/CSU und FDP haben eine knappe Mehrheit. B) Sie haben diese Mehrheit knapp verfehlt. Im ersten Fall werden nach einigen Wochen Merkel und Westerwelle erklären müssen, warum ab dem 1.1.2011 die Mehrwertsteuer erhöht wird, eine PKW-Maut eingeführt wird, dass aber die Steuersenkungen erst zum 1.1.2013 möglich sind. Im zweiten Fall kann Merkel erklären, die SPD sei leider gegen Steuersenkungen, man müsse aber die Mehrwertsteuer erhöhen und eine PKW Maut einführen. Die Hessenwahl ist das Vorbild. Frau Ypsilanti hat ihr Versprechen nicht eingehalten und sie wurde entsprechend als Lügnerin angegriffen. Nach Oktober ist Merkel an der Reihe.

29.06.2009
21:23
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von dasKollektiv | #21

Wenn man sich das Wahlprogramm der cDU genau anschaut, sieht alles nach schwarz-rot aus und zum Glück nicht nach dem gelben Irrsinn.

29.06.2009
20:57
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von Banjoboy10 | #20

Sollte eingehen heißen

29.06.2009
20:38
Das Ende einer schwarz-roten Zwangsehe
von Banjoboy10 | #19

Warum haben sich die Parteien denn 4 Jahre durchgeschlagen? Weil jeder solange sein Pöstchen behalten konnte. Die würden auch ein Bündnis mit dem Teufel eingen.

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