Bad Bank für finanzschwache Kommunen
23.01.2009 | 17:29 Uhr 2009-01-23T17:29:00+0100
Wanderhuren, Buchmalerinnen, Pestheilerinnen und alle ihre Brüder und Schwestern haben literarische Hochkonjunktur. Wie kommt es, dass historische Romane so beliebt sind, vor allem, wenn sie im Mittelalter spielen?
Es kann sich nicht nur um Weltflucht handeln, obwohl man den aktuellen Krisenmeldungen ganz gerne für ein paar Schmökerstunden entweichen möchte.
An Katastrophen sind Mittelalterromane nicht gerade arm: Kriege, Pest, Gewalt, Verrat, Intrigen, die Heldinnen und Helden werden von vielen Gefahren bedroht. Aber sie leben in einer Gesellschaft, in der ganz klare Regeln herrschen. In der jeder seinen Platz hat, vom Bauern bis zum König. In der es eindeutig definierte Maßstäbe für den Umgang miteinander gibt, die sozial ebenso legitimiert sind wie religiös. Der Knecht ist dem Herrn zum Dienst verpflichtet. Umgekehrt hat der Herr eine Treuepflicht gegenüber dem Knecht. Sonst riskiert er sein Seelenheil. Das Seelenheil liegt selbst dem finstersten Fürsten am Herzen.
Heute nutzt es einem Arbeitnehmer nichts, sich an die Regeln zu halten. Leistung schützt nicht vor dem freien Fall in die Arbeitslosigkeit. Das Individuum hat kaum noch Möglichkeiten, sein persönliches Schicksal aktiv zu steuern. Da hilft der lesende Blick zurück vielleicht.
Auch als Gemeinde von Individuen, also als Bürgerschaft, sind wir hilflos absurden Realitäten ausgeliefert. Nehmen wir nur das Beispiel der finanziell ruinierten Städte. Die Haushaltsnot ist längst nicht immer nur hausgemacht. Dennoch trifft die Sparkeule Einrichtungen, die über Generationen hinweg als bürgerschaftliches Vermögen aufgebaut worden sind. Zum Beispiel die Theater. So kommt es zu der kafkaesken Situation, dass Städte wie Hagen oder Oberhausen pro Jahr mehr Millionen in den Aufbau Ost zahlen als ihre Theater kosten und wegen ihrer Finanznot weiter an den Bühnen streichen müssen, obwohl die zu den attraktivsten Standortfaktoren zählen.
Im Buch würde jetzt ein Schatzfund oder ein unerwarteter Held in glänzender Rüstung die prekäre Lage in ein Happy End umwandeln. In der Gegenwart meinen nur die Glücksritter von den Banken, ihre gute Fee bereits im Staat gefunden zu haben, auf dass er ihnen die Verluste abnehme. Da fällt einem doch eine Idee ein, die wirklich Bestseller-Potenzial hat: Warum keine Bad Bank für pleite gegangene Kommunen? Dann würde sich nicht nur die Konjunktur freuen.
Allein, der Vorschlag bleibt wohl Science Fiction und wird so schnell nicht zum historischer Roman.

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