Auf der Abbruchkante
17.01.2010 | 18:29 Uhr 2010-01-17T18:29:00+0100
Hagen. Die Hagener Inszenierung von Verdis La Traviata wird mit hervorragenden jungen Stimmen zur Sensation.
So klingen Opernwunder: Mit Verdis „La Traviata” zeigt das Theater Hagen, welche musikalischen Glückserlebnisse in einem Ensemble-Theater möglich sind. Das Publikum feiert die Solisten nach der Premiere bereits mit Beifall im Stehen, als sie das erste Mal vor den Vorhang treten.
Ensemble-Theater: Der Begriff ist ein wenig aus der Mode gekommen. Denn viele große Häuser setzen auf glanzvolle Produktionen mit eingekauften Stars. Hagen ist da anders. Seit 99 Jahren versteht sich die Bühne als Sprungbrett für junge Begabungen, denen hier eine Chance geboten wird.
Diese sorgsam gehegte Ensemble-Kultur führt dazu, dass ein kleines, finanziell an den Rand gespartes Theater wie Hagen immer wieder dennoch künstlerische Höchstleistungen hervorbringt, die weithin Beachtung finden. Und sie führt dazu, dass man eine große Oper wie die „Traviata” mit eigenen wunderbaren Stimmen besetzen kann.
Ensemble-Kultur
Stefania Dovhan, Dominik Wortig und Frank Dolphin Wong sind alle in Hagen musikalisch herangewachsen. Die kluge Ensemble-Pflege ermöglicht es ihnen, Karriere zu machen und dem Haus verbunden zu bleiben. So hat Stefania Dovhan jüngst in New York Mozarts „Donna Anna” gesungen, Dominik Wortig steht unter anderem in Dresden und Berlin auf der Bühne
Dass Theater immer live ist, bewies die Premiere den zahlreichen Ehrengästen, darunter Ruhr 2010-Chef Fritz Pleitgen. Die notorisch anfällige Punktzuganlage streikte, die Vorstellung begann verspätet. Im dritten Akt stellte dann auch der Übertitel-Projektor seinen Dienst ein.
Gregor Horres hat sich für eine unaufdringliche Regie entschieden. Er verschränkt Fest und Katastrophe: hier der Opernchor als Partytruppe, dort Violetta und Alfredo. Beide sind Außenseiter: die kranke Kurtisane ebenso wie der anfangs etwas steife junge Mann, der aus einem völlig anderen Wertesystem kommt. Indem sie sich auf eine echte Liebe einlassen, werden sie zu Exoten in einem Milieu, das allein auf Lustbefriedigung ausgerichtet ist.
Schiefe Ebene
Die ganze Gesellschaft lebt auf der Abbruchkante. Dafür hat Ausstatter Jan Bammes eine überzeugende Bühnenlösung gefunden: einen scheinbar stabilen, ja eleganten Raumkasten, der jedoch auf einer schiefen Ebene platziert ist und ständig in einen mit Wasser gefüllten Graben abzustürzen droht.
Viele Tenöre singen den Alfredo mit einem strammen, gebolzten Heldentimbre. Dadurch wirkt die Figur häufig einfältig, man versteht nicht, was die Traviata daran findet. In Dominik Wortigs Alfredo muss sich Violetta aber einfach verlieben. Denn der hochbegabte Hagener Sänger zeichnet bei seinem Debüt im italienischen Fach mit vielen Farben einen komplexen Charakter. Wortig singt mit Herzenswärme. Sein Tenor hat Leuchtkraft und Glanz, er ist zu berückenden lyrischen Linien ebenso fähig wie zu expressiven Ausbrüchen.
Frank Dolphin Wong wird als Vater Germont von der Regie anfangs etwas zu klischeehaft als aggressiver Vertreter einer bürgerlichen Doppelmoral geführt. Wong gestaltet die Partie mit schön geführtem Bariton, der viel Volumen hat und den er auch klug zurücknehmen kann.
Stefania Dovhan ist als Traviata eine sensationelle Entdeckung. Mit müheloser Höhe, engelsgleichen Spitzentönen und makellosen Koloraturen kann sie Lebenshunger und Todesangst gleichermaßen überzeugend vermitteln.
Seelengemälde
Generalmusikdirektor Florian Ludwig macht mit den Hagener Philharmonikern Verdis geniale Partitur zum Seelengemälde. So gelingen raffinierte psychologische Feinzeichnungen. Diese entfalten sich in pulsierenden Bögen, die ekstatisch explodieren können, dann wieder filigran ausgeleuchtet werden und immer jenes atemlose Herzklopfen anklingen lassen, das von Anfang an als Menetekel der Tragödie im Notentext lauert.
Sprachmächtiger als diese „Traviata” kann ein Plädoyer nicht klingen, das Theater Hagen durch die Zeit der Haushaltskrise zu retten.
Wieder am 22. 1., 5., 13. 2.

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