Akademische Lehranstalt in der JVA
05.05.2010 | 17:56 Uhr 2010-05-05T17:56:00+0200
Iserlohn. Der Lehrkörper der Justizvollzugsanstalt Iserlohn ist alles andere als leer. Er steckt voller Einfälle und hat sogar NRW-Justizministerin Müller-Piepenkötter mit seinem Ideenreichtum überzeugt.
Die Folge: Gestern teilte die Justizministerin mit, dass die JVA Iserlohn in Zukunft die „akademische Lehranstalt“ beheimaten wird. „Ein bundesweit einmaliges Konzept“, so die Sprecherin des NRW-Justizministeriums, Andrea Bögge.
Zusammenarbeit hinter Gittern
In der „akademischen Lehranstalt“ hinter Gittern sollen Schüler der Justizvollzugsschule Wuppertal, Mitarbeiter der JVA Iserlohn sowie Studierende der Universitäten Dortmund und Köln voneinander lernen. Eine entsprechende Vereinbarung haben Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter und Prof. Dr. Philipp Walkenhorst vom Lehrstuhl Erziehungshilfe und Soziale Arbeit an der Uni Köln gestern unterzeichnet.
Bereits 1991 gab es zwischen der JVA Iserlohn und Dr. Philipp Walkenhorst - der damals an der Uni Dortmund lehrte - eine Kooperation. „Wir hatten erkannt“, erinnert sich Albrecht Bucher, Lehrer in der JVA Iserlohn, „dass der Tagesablauf in einem Jugendknast mehr ist als Brot und Arbeit.“ Denn gerade die jugendlichen Gefangenen müssten lernen, ihre Freizeit zu strukturieren: „Wer nur herumhängt und sich die Kante gibt, hat keinen Plan von sinnvoller Freizeitgestaltung.“
Freizeitangebot für Jugendliche
Dieser Erkenntnis folgend, suchten die Pädagogen der JVA Iserlohn die Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Dr. Walkenhorst. Vier Jahre später entstand die erste „Lernwerkstatt“. An diesem Ort der Begegnung wird den Jugendlichen ein alternatives Freizeitangebot offeriert: Benimm-, Koch- und Nähkurse, Sport, Einradfahren und sogar Feuerschlucken. Diese Seminare regen die jungen Häftlinge an, zu diskutieren, sich in der Gruppe zu finden und sich selbst zu positionieren. Die Justizministerin war so überzeugt von dem „Iserlohner Weg“, dass sie nach dem Foltertod in der Jugendhaftanstalt Siegburg im Jahr 2006 zwölf Diplom-Pädagogen einstellte, die sich mit der Freizeitgestaltung der jungen Gefangenen beschäftigen. Drei sind als Vollzeitkräfte in Iserlohn angestellt.
Gegenseitiges Reflektieren
Doch die Kooperation geht weiter: In Zukunft werden Studenten in den Knast kommen und sich dort sowohl mit den Angestellten als auch mit den Häftlingen austauschen. Anwärter der Justivollzugsschule werden hinzustoßen. So ist ein breiter und nach allen Seiten offener Austausch in der geschlossenen Anstalt garantiert. Albrecht Bucher: „Das ist ein gegenseitiges Reflektieren, eine gute Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis.“ Roswitha Müller-Piepenkötter hebt hervor: „Von der Zusammenarbeit profitieren Studierende, die Lehrenden und die Bediensteten im Jugendvollzug gleichermaßen. Sie können ihre Erkenntnisse für eine noch bessere Erziehung der jugendlichen Gefangenen nutzen.“

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