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Euro-Krise

Experte fordert neuen deutschen Kurs bei der Euro-Rettung

01.08.2012 | 16:51 Uhr
Experte fordert neuen deutschen Kurs bei der Euro-Rettung
Paul de Grauwe fordert von der Bundesregierung einen neuen Kurs in der Euro-Krise.Foto: Universität Leuven

Brüssel.  „Deutschland muss mit dem Bestrafen aufhören“ - mit diesen Worten rügt der belgische Wirtschafts-Professor Paul de Grauwe die Bundesregierung und ihren Kurs in der Euro-Krise. Er fordert: Statt die Südeuropäer als schlecht abzustempeln, solle Deutschland den Staaten in Not stärker helfen.

Deutschland ist bei der Euro-Rettung aus Sicht einiger Ökonomen auf dem Holzweg. Der größte EU-Staat müsse seine Haltung ändern, damit die Europäer die Schulden- und Vertrauenskrise wirklich wirksam bekämpfen könnten, lautet eine Forderung. Einer der Kritiker ist der belgische Wirtschafts-Professor Paul de Grauwe. Er ist ein anerkannter Währungsexperte.

„Deutsche Politiker haben eine zu moralisierende Haltung – nach dem Motto: Wir sind gut, die Südeuropäer sind schlecht und korrupt“ , sagte de Grauwe der WAZ-Mediengruppe. „Auch in den Niederlanden und in Finnland ist diese moralisierende Haltung verbreitet.“ Für den Krisenkampf sei das schlecht.

Deutschland sollte Staaten in Not stärker helfen

„Deutschland muss aufhören, die Südeuropäer bestrafen zu wollen“, fordert der Ökonom. „Deutschland muss sagen: Lasst uns zusammen die Krise meistern. Kanzlerin Merkel und die anderen Politiker müssen besser kommunizieren, zum Beispiel warum Deutschland Not leidenden Staaten hilft. Das ist sehr wichtig.“

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Noch nie war es für Deutschland so günstig, Geld zu leihen.“ Deutschland müsse sich bereit erklären, Staaten in Not stärker finanziell zu unterstützen – zum Beispiel Spanien und Italien. „Die Bedingungen, die klamme Euro-Staaten erfüllen müssen, um europäische Notkredite zu erhalten, sind zu streng“, findet de Grauwe. „Das hat zur Folge, dass die Wirtschaftsleistung in diesen Ländern noch stärker sinkt.“ Es sei zugleich sehr wichtig, dass die Europäer die Finanzhilfen nicht bedingungslos gewähren. „Aber die Bedingungen müssten etwas gelockert werden, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen.“

Die Finanzkrise spaltet Europa in zwei Teile

De Grauwe macht auf die missliche Situation im Euro-Währungsraum aufmerksam. „Die Investoren an den Finanzmärkten haben Europa in zwei Teile gespalten“, sagt er. „Die südeuropäischen Staaten müssen teils hohe Zinsen zahlen, wenn sie sich Geld an den Finanzmärkten leihen. Die nordeuropäischen Länder dagegen müssen derzeit kaum oder keine Zinsen zahlen, wenn sie Kredit brauchen.“ Diese Zweiteilung Europas sei eine „total abnormale Situation“. Und gefährlich sei sie auch: „Daraus entsteht ein enormer Zwiespalt in der Euro-Zone und enorme politische Probleme.“

Deutschland kann von der Euro-Krise profitieren

Für die Bundesrepublik sei die Krise derzeit „fantastisch“: „Das Geld fällt für Deutschland wie Manna vom Himmel. Griechenland überweist laut dem Bundesfinanzministerium für die Notkredite dieses Jahr nach Berlin etwa 290 Millionen Euro Zinsen. Von Berlin sollte man daher mehr Freigiebigkeit erwarten, sagt der Professor. Doch das Gegenteil sei der Fall: „Es werden Mythen geschaffen, dass die Südeuropäer an das sauer verdiente Geld der Deutschen wollen.“

Auch deutsche Ökonomen schaffen aus Sicht des Belgiers Mythen - zum Beispiel, dass Deutschland klammen Euro-Staaten Geld gezahlt habe. „Deutschland hat Portugal, Irland oder Griechenland aber Kredit gewährt – und erhält dafür von diesen Ländern Zinszahlungen“, betont de Grauwe. „Es ist damit total falsch, dass die Steuerzahler in Deutschland für kriselnde Staaten zahlen müssen.“

Hintergrund zur Person
Der belgische Wirtschaftsprofessor Paul de Grauwe
Der belgische Wirtschaftsprofessor Paul de Grauwe

Paul de Grauwe (66) lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Katholischen Universität der belgischen Stadt Löwen. Zudem lehrt er in Großbritannien an der London School of Economics. Der studierte Volkswirtschaftler gilt als geistiger Weggefährte des bekannten US-Ökonomen Paul Krugman.

De Grauwe hat zahlreiche Gastprofessuren in diversen Staaten innegehabt, auch in Deutschland - unter anderem an den Universitäten in Kiel, Saarbrücken und Berlin. Der Wissenschaftler machte auch Ausflüge in die Politik. In seiner belgischen Heimat saß er in den 1990-er Jahren im Parlament.

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Kommentare
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03.08.2012
18:57
Experte fordert neuen deutschen Kurs bei der Euro-Rettung
von Rally8 | #36

Hallo Deutschland, die Zeiten spitzen sich zu:
Deutschland wird es nicht schaffen, die großen Schuldenländer zum Sparen und zum Schuldenabbau zu...
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2012-08-01 16:51
Euro-Krise, Euro-Rettung, Euro-Zone, Wirtschaftskrise, Griechenland, Spanien, de Grauwe
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