"Dichter als gedacht"
19.03.2010 | 18:23 Uhr 2010-03-19T18:23:00+0100
Belecke. Sind die noch ganz „dicht”? Da treffen sich drei bekennende Poetry Slammer und initiieren eine Lesebühne. „Dichter als gedacht”, lautete der Titel der Veranstaltung zu dem Fabian Navarro, Sven Fritze und Marian Heuser ausgerechnet in die historischen Mauern der Stadtbücherei geladen hatten.
Poetry Slams gewinnen in den letzten Jahren vor allem beim jungen Publikum zunehmend an Bedeutung. Es trifft den Zeitgeist, sich auf jeglicher künstlerischen Ebene zu messen, zu bewerten, zu „battlen”. Lesebühnen gibt es schon seit 20 Jahren. Diese Subkultur der Dichterlesung unterwirft sich bewusst nicht dem Diktat des Wettbewerbs, fokussiert mehr auf Inhalte als auf Showeffekte. Literarischer Wettkampf trifft „Wasser-Glas-Lesung”, geschriebenes Wort stößt auf gesprochenes, Poesie begegnet Alltagsprosa. Ein Widerspruch?
Dicht drängten sich am Donnerstag junge und auch ältere Liebhaber der Sprache vor dem Mikro, suchten Platz zwischen den Buchregalen. Manch einer setzte sich auf den Boden — für diesen Ansturm reichte die Bestuhlung der Bücherei nicht. „Wir sind glücklich und überrascht über so viel Interesse”, bekannte Bücherei-Leiterin Angelika Krüger in ihrer Begrüßung.
Und dann ging es los: Worte schwebten durch die langen Bücherreihen, setzen sich in Köpfen fest, ließen Gedanken fliegen, rüttelten am Unbewussten, provozierten, schmeichelten, stießen Gemeintes wieder um, setzten sich neu zusammen, überraschten, setzten Impulse. Dabei wurde schnell klar, dass sich die Konstellation des Autorentrios gut ergänzte.
Der Jüngste, Fabian Navarro, bediente die Youngsters, plauderte unbeschwert was den Schüler von heute so beschäftigt: „Mathe ist ein Arschloch” zeigt etwa den literarischen Versuch, sich auf kreativ-kriminelle Weise des ungeliebten Schulfachs zu entledigen. Den zweiten im Bunde, Sven Fritze, zeichnet das wohl größte lyrische Talent aus. Dass dies auch mal grenzwertig provokant sein kann, ja sogar sollte, macht seinen Mut aus. Mit diesem Gegenwind hatten einst schon große Dichter wie Shakespeare zu kämpfen. Einige Überlieferungen von „Romeo und Julia” weisen durchaus als ordinär zu bezeichnende Textelemente auf. Marian Heuser schließlich übernahm gerne die Rolle des Comedians, brillierte mit Ausdruckskraft in Sprache und Körper. Radebrechte im marokkanischen Akzent die Probleme des Zivis Fasal mit dem alt-narzistischen Patienten und schreckte vor augenzwinkernder Selbstironie („Frisurrevolte - oder warum ich eine Glatze trage”) nicht zurück.
Diese Vielschichtigkeit machte allerdings auch den klitzekleinen Schwachpunkt der Veranstaltung aus. Anders als beim Slam war diese Veranstaltung eben kein Wettstreit, die Protagonisten keine Einzelkämpfer. Eine bessere Abstimmung der Texte hätte für mehr Vielfalt und Spannung gesorgt. Gerade der Titel machte auch neugierig, auch auf Kurzes, Knackiges. Wenn die Drei dies beherzigen, darf man sich uneingeschränkt aufs nächste Mal freuen — und das kommt hoffentlich bald.
17:35
Eigentlich kommentiere ich die Berichte über mein / unser Schaffen nicht, weil die Presse nunmal gepflegt werden muss und in diesem schnelllebigen Tagesgeschäft jeder zur ellenbogenhaften Schnellproduktion genötigt wird, aber diesmal muss ich eine Ausnahme machen.
Hätten sie Frau Schmitz die Veranstaltung nicht bereits zur Pause verlassen, wäre ihnen nicht entgangen, dass ich mich im zweiten Teil von einer gänzlich anderen Seite gezeigt habe und ein Plädoier für Ernsthaftigkeit und die Benennung schmerzhafter Wahrheiten vorgetragen habe. Beispielsweise das Massensterben auf hoher See vor Gibraltar im Text Zur falschen Zeit am falschen Ort.
Sie haben nur die halbe Show verfolgt und deshalb steht in ihrem Bericht leider auch nur die halbe Wahrheit. Schade
gez. Marian Heuser